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 Selbstzeugnisse

Um Pubertierenden und Jugendlichen näher zu kommen, müssen wir uns um eine Innenansicht der Pubertät bemühen. Nichts kann uns dabei hilfreicher sein, als Selbstzeugnisse junger Menschen: Gedichte, Gedanken, Geschichten. Hier sind ein paar. Wenn Sie weitere haben, die sich eigenen, hier veröffentlicht zu werden: Schreiben Sie mir.


Ich bin geboren worden,
ohne vorher gefragt zu werden,
ob ich will.
Mir hat man ein Leben geschenkt,
ohne mich vorher zu fragen,
ob ich leben will.
An mir hat man Freude,
ohne mich vorher zu fragen,
ob ich mich freuen will, freuen kann.
Ich wurde in Liebe grossgezogen,
ohne vorher gefragt zu werden,
ob ich lieben will oder kann.
Ich werde eines Tages sterben,
ohne vorher gefragt zu werden,
ob ich sterben will.

Mädchen, 16 (aus: Guggenbühl, "Pubertät - echt ätzend")


Neulich bin ich nach Frankfurt zu meiner Freundin abgehauen, sie ist schon ein bisschen älter und kann machen, was sie will. Nach ein paar Tagen hab ich zu Hause angerufen, weil ich dachte, die werden sonst vor Angst verrückt. Mein Vater kam mich gleich abholen. Er sagte kein Wort, sondern guckte nur todtraurig. Ich fand das fies. Hätte er lieber geschrien und getobt, dann hätte ich einen Grund gehabt, auch mal rauszuschreien, wie es mir geht.

Sicher, die Schule ist wichtig, dies ist wichtig, das ist wichtig, nur ich selber bin nicht wichtig. Das hab ich ja längst kapiert. Aber es ändert nichts. Ich will mich spüren, starke Sachen erleben, meinetwegen auch Sachen, die mal wehtun, und andere, die so schön sind, dass es auch fast wieder wehtut. Wenn meine Eltern so geworden sind, wie sie sind, weil sie sich an alles Mögliche nicht rangetraut haben wegen dem Sauberbleiben, dann will ich lieber mal sehen, ob nicht dort das richtige Leben ist, wo die schon Angst haben, hinzugucken. - Mir tut es furchtbar Leid, wie alles gekommen ist, das ist ganz ehrlich gemeint. Aber ich muss jetzt selber rauskriegen, was gut für mich ist und was ich will, ich bin doch nicht meine Eltern oder sonst jemand. - Wenn ich merke, dass Sie bloss meinen Eltern helfen wollen, eine folgsame Tochter aus mir zu machen, dann komme ich einmal und nie wieder.

Mädchen, 16 (aus Henning Köhler: "Jugend im Zwiespalt")


Ein normales Gespräch unter Müttern: "Und, wie läuft’s bei euch so?" "Ach, meine Tochter hat mal wieder randaliert, sie sind ja so aggressiv in dem Alter, immer passt ihnen was nicht." "Sie sind halt in der Pubertät. Das geht vorbei. So ab 19 werden sie wieder zahm."
So manch ein Teenie fragt sich bei diesen Worten: "Aggressiv? Pubertät?" Es kommt nicht selten vor, dass Erwachsene über das zarte Alter wie über eine eklige Krankheit reden, die mit Pocken oder einer Grippe zu vergleichen und so ansteckend ist, dass alle Jugendlichen sie einfach bekommen müssen. Viele ratlose Eltern stellen sich dann eine Frage: Was mit den Halbstarken tun? Sie einsperren, bis sie 21 sind, sich mit ihnen an den Kaffeetisch setzen und das Sieh-mal-dein-Körper-verändert-sich-jetzt-Gespräch anfangen oder sie schlicht zum Tierarzt bringen? Doch sind die Eltern die armen Leidtragenden? Wie es der gute alte Instinkt der Menschheit will, schöpfen sie daraus einige Vorteile: Zum Beispiel ist ihr einziges Argument (außer: "Wir haben kein Geld dafür"), wenn ihr Sprössling ein viertes Rennrad möchte: "Du bist noch ein halbes Kind, du weißt doch gar nicht, was du willst." Oder wenn er sie um Erlaubnis bittet, zur angesagtesten Party des Jahres zu gehen, heißt es: "Dazu bist du noch viel zu jung." Dagegen ist man schon alt genug, wenn es darum geht, das Bad zu putzen, einkaufen zu gehen oder bei ihren kleinen Treffen die Bedienung zu spielen. "Darf ich Ihnen noch ein Häppchen anbieten?" Und wie erklären wir uns dieses ganze Affentheater? Nun, einige kluge Köpfe meinen, es läge an den Hormonen, die in unserem Körper überall wie shoppingwütige Weibsbilder in einem XXL-Einkaufscenter herumwuseln.
So, meine lieben Eltern, Tanten, Ärzte und alle, die das Phänomen des Erwachsenwerdens nicht verstehen: Es liegt nicht an uns! Die Wahrheit ist, dass wir, wenn wir klein sind, automatisch den Älteren gehorchen und nur selten fragen, wieso dies und das so ist, und wenn wir es doch tun wird uns etwas aufgetischt wie: "Nein! Dein Hamster ist weg, weil er dem Nikolaus helfen muss, Geschenke auszutragen." Mit dem älter (und intelligenter) Werden erkennen wir, wie viele Lügen, Schwindel und bescheuerte Regeln und Verbote uns vorgelegt worden sind. Wir verstehen, wie ungerecht doch alles ist, und versuchen unsere Ansichten in das Alltägliche einzubauen, was den Erwachsenen gar nicht passt, weil wir doch eigentlich lieb, nett und brav sein sollten und selbst denken tabu ist.
Die Tatsache, dass wir mit höherem Alter ihrer Ansicht nach einfacher werden, ist schlicht und einfach darauf zurückzuführen, dass wir es aufgegeben haben, unsere Ideen, Meinungen und Anregungen zu erläutern. Man kann Eltern genauso wenig ändern wie einen Wiederholungstäter im Nasenbohren.
Fazit: Lasst uns bitte in Ruhe, nervt uns nicht und versucht schon gar nicht mit uns zu reden, dann dürften wir diese schwierige Zeit wohl alle gut überstehen.

Caro Heep, 8.-Klässlerin (zitiert von ihrem Lehrer auf www.herr-rau.de)

Jörg Undeutsch, www.PubertätVerstehen.ch
 

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