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 Essentials

Auf dieser Seite habe ich eine Reihe von (ungekürzten) Buchauszügen zusammengestellt, die ich für wesentlich oder zumindest bemerkenswert halte. Zusammen genommen sind sie - wie die "12 Thesen zur Pubertät", nur in anderer Art - eine Einführung in die Pubertät, das uns in die Lage versetzen kann, Jugendliche in den Krisenjahren zwischen 13 und 19 besser zu verstehen. Und sie einfühlsam aber frei lassend, nicht belehrend, aber doch Halt gebend zu begleiten. Zugleich geben die Auszüge etwas vom "O-Ton" einiger der von mir zusammengefassten Bücher zur Pubertät wieder.

Julian Sleigh: Zerrissenheit, Chaos und Unordnung
"Die Jugendzeit ist eine Zeit der Öffnung, aber auch des Rückzugs, eine Zeit voll neuer Kraft, aber auch voller Scheu. Die Liebe zum Schönen besteht neben der Faszination, die das Hässliche ausübt; die Suche nach Werten steht neben der heftigen Ablehnung bestehender Ordnungsprinzipien. Die gierige Aufnahmebereitschaft für intellektuelle Inhalte birgt gleichzeitig die Gefahr, durch Drogen oder Alkohol gelähmt zu werden. Der junge Mensch schafft sich Ideale, wird aber auch zynisch. Er hat das Bedürfnis, ernst genommen zu werden, kann aber zunächst noch nicht einmal seinem eigenen Wert vertrauen. Er sucht Unabhängigkeit und weiss gleichzeitig, dass er Unterstützung braucht. Zwar weist er die Autorität der Eltern zurück, sehnt sich aber nach ihrer Anerkennung. Die gewohnte Ordnung und der Rhythmus seines bisherigen Lebens geraten in Chaos und Unordnung."

Allan Guggenbühl: Pubertät als Übergangsphase
"Wir verzichten auf Normalitätsvorstellungen und sehen die Pubertät als Phase, in der ganz bestimmte Entwicklungsaufgaben gemeistert werden sollen: einen Freundeskreis aufbauen, den eigenen Körper akzeptieren lernen, auf die Rollenerwartungen der Gesellschaft reagieren, Beziehungen zu einem Partner aufnehmen, mit der Sexualität umgehen können, berufliche Pläne schmieden, ein Selbstkonzept und eine eigene Weltanschauung entwickeln. Das Verhalten der Jugendlichen ist Ausdruck ihrer Bemühungen und Versuche, mit all diesen neuen Aufgaben fertig zu werden. Der Jugendliche ist eigentlich überfordert, da er auf all diese Herausforderungen noch nicht adäquat zu reagieren vermag. Sie sind nicht sie selber, sondern leben in einer Zwischenwelt. Ihre Identität und ihr Selbstwertgefühl ist fragil, weil das Coping mit den neuen Problemen und Erwartungen im Vordergrund steht und am Selbstverständnis nagt. Die Jugendlichen werden kognitiv, in ihrem Denken herausgefordert. Wir können diskret über das unmögliche Verhalten hinwegblicken und uns auf das konzentrieren, was sein wird. Wir können die Pubertät als Vorbereitungszeit auf die Erwachsenenrolle verstehen. Die Jugendlichen leben halt in zwei Welten. Sie sind emotional in der Kindheit verankert, geistig jedoch fasziniert von der Welt dort draussen und ihren Aufgaben. Verhaltensweisen der Erwachsenenwelt werden ausprobiert und assimiliert. Pubertierende Jugendliche bereiten sich auf ihren Auftritt in der Gesellschaft vor. Sie antizipieren äussere Möglichkeiten und tasten sich an eigene Fähigkeiten heran. Wenn ihr Verhalten auf uns störend oder irritierend wirkt, dann möchten sie eigentlich Anweisungen hören und die Richtlinien der Kultur ausloten. Sie experimentieren mit sich selber, damit sie wissen, wer sie sind."

Barbara Sichtermann: Die Öffentlichkeit der Intimität
"Dass es ein Wettkampf ist, in den Mädchen während und natürlich vor allem nach der Pubertät eintreten, eine Show, ein Spiessrutenlaufen, eine Siegesfeier, eine Demütigung, je nachdem, das macht diese Zeit, die eigentlich dem innersten Intimleben gehören müsste, so ausserordentlich heikel. Es erinnert wieder daran, dass die Sexualität eine Machtquelle ist, eine soziale Angelegenheit, dass sie mit Partnerwahl zu tun hat, mit dem anderen Geschlecht, mit dem Aufrücken in der Generationenhierarchie auf verantwortungsvolle Plätze. Von all dem wollen Jugendliche ja erst einmal gar nichts wissen. Sie wollen ihre Spiele spielen, ihren Spass haben, sich in ihren Cliquen tummeln und die Schule irgendwie hinbiegen. Jedes Darüberhinaus ist ein Qual für sie. Aber sie fordern dieses ‚Mehr’ selbst ständig heraus, in dem sie nicht nur still vor sich hin reifen, sondern diese Reifung ausstellen, vorzeigen, auf der sozialen Bühne präsentieren: In kaum einem biografischen Zeitalter wird von Menschen so schamlos angegeben, auf den Putz gehauen und über jedes erträgliche Mass hinaus ‚Ich’ gesagt wie von Jungen und Mädchen während der Pubertät. Allerdings sind die dramatischen Inszenierungen von Weiblichkeit und Männlichkeit für beide Geschlechter unendlich anstrengend. Sie brechen deshalb nach ihren Vorstellungen manchmal regelrecht zusammen und verordnen sich selbst den prompten Rückzug ins Zimmer und ins Schweigen, wo sie sich erholen, prüfen, zerstreuen und auf den nächsten Coup vorbereiten. Man kennt diesen Wechsel als abruptes Schwanken zwischen Intro- und Extrovertiertheit, zwischen lautstarkem Auftrumpfen und angstvollem Sich-Verschliessen. Diese ganze wohl bekannte Unausgeglichenheit während der Pubertät ist die lebenspraktische Entsprechung des Widerstreits von Intimität und öffentlicher Parade."

Allan Guggenbühl: Chthonische Hadesfahrt
"Sie werden mit einer für sie neuen Dimension des Seins konfrontiert: Ihre Seele meldet sich als kraftvolle, berauschende und beängstigende Wirklichkeit. Pubertierende Jugendliche erleben, dass sie nicht nur denken, wahrnehmen, fühlen und empfinden, sondern innerlichen Kräften ausgesetzt sind. Sie erfahren, was man früher die Innerlichkeit nannte: dass es Energien gibt, die von innen her das Dasein umstülpen, denen man ausgeliefert ist und die nicht mehr zivilisierbar sind. Die Pubertät führt die Jugendlichen in die Tiefe ihres eigenen Unbewussten: zu jenen Kräften der Persönlichkeit, deren Auswirkungen wir wohl spüren, die uns jedoch nicht immer durch unser Bewusstsein zugänglich sind. Das Ausgesetztsein und Ringen mit innerlichen Mächten macht die Pubertät zu einem unheimlichen und zugleich faszinierenden Erlebnis. Die Jugendzeit ist nicht nur eine Phase des Rollenexperiments oder der Ablösung von den Eltern, sondern der Beginn einer chthonischen Hadesfahrt. Diese Reise in die Unterwelt bringt Energien und Dämonen zum Vorschein, die oft von der Kultur nicht beachtet werden: Phantasien, Aggressionen und Leidenschaften brechen auf, die in kein Schulcurriculum aufgenommen wurden. Die Pubertät konfrontiert Jugendliche mit der machtvollen Autonomie seelischer Prozesse. Plötzlich wird etwas mit ihnen gemacht, bestimmt von innen her die Befindlichkeit und das Denken. Sie schwärmen für einen Altersgenossen oder für Stars, regen sich übermässig über eine Lehrperson auf, diskutieren nächtelang über abstrakte Themen oder persönliche Fragen oder fühlen sich von negativen Kräften zu Boden gedrückt. Dämonen treiben mit ihnen ihr Spiel und provozieren unüberlegte, blödsinnige oder gefährliche Aktionen. (...) Meistens verstehen die Jugendlichen nicht, was in ihnen vorgeht. Zwar wissen sie vielleicht etwas über hormonelle Veränderungen, die Akzeleration und die Folgen körperlicher Entwicklung, doch was ihre Seele mit ihnen vorhat, bleibt ihnen ein Rätsel. Jugendliche hören zwar Ratschläge zur Sexualität, zu Beziehungen oder zum Umgang mit Depressionen: Wie das Erleben dieser transzendenten Mächte ist, kann nicht kommuniziert werden. Der junge Mensch ahnt, dass seine Seele anderen Gesetzmässigkeiten folgt. Die Seele gehorcht den Gesetzen der Unterwelt und ignoriert die in der Oberwelt aufgestellten Richtlinien."

Henning Köhler: Den eigenen Brunnen finden
"Die Geburt der Jugendseele ist geglückt; sie steht vor uns mit all ihren bangen Fragen, ihrer ganzen Schutzlosigkeit, Bedürftigkeit, Schamhaftigkeit und Wildnis. Sie ist hochintelligent, diese Jugendseele, aber ständig mit sich selbst überfordert. Sie braucht Zeit, sich in Worte zu fassen und zu begreifen, wohin die sehnsuchtsvolle Unruhe drängt, von der sie ganz erfüllt ist. Unser Gefühl trügt uns nicht, wenn wir den Eindruck haben, sie dürste nach Wahrheit, nach höheren Zielen und Sinn stiftenden Bildern. Aber wir müssen wissen, dass wir diesen Durst am wenigsten durch belehrende Aufdringlichkeit stillen können. Denn es gehört zum Wesen der in sich selbst erwachenden individuellen Seele, dass sie ihren eigenen Brunnen finden will, um aus ihm zu schöpfen."

Henning Köhler: Umwertung aller Werte
"Wer diese Zusammenhänge zu durchschauen gelernt hat, beobachtet mit Schaudern jene wohlanständigen, fleissig Geige übenden, jederzeit hilfsbereiten und verständnisvollen Musterschüler mit vernünftigen Ansichten und perfekten Umgangsformen, die auch heute noch als Produkte einer hervorragenden Erziehung vorgezeigt und vor allem von solchen Eltern neidisch beäugt werden, die sich zu Hause mit einem unverbesserlichen Huckleberry Finn oder einer herumabenteuernden roten Zora plagen müssen. Doch letztere seien beruhigt: Die Prognose für ihre Kinder ist die bessere - vorausgesetzt, man legt auch weiterhin nicht das (bisweilen mörderische) Ideal eines formvollendet angepassten, sondern dasjenige eines glücklichen und selbstbewussten Lebens zu Grunde.

Wer sein Kind in den Jugendjahren heftig revoltierend im Versuch einer Umwertung aller Werte erlebt, kann sich bei aller berechtigter Sorge doch auch sagen: "Wir haben den für heutige Bewusstseinsverhältnisse wohl noch unvermeidlichen Fehler gemacht, uns oftmals nicht dem Kind, sondern unseren Lieblingsvorstellungen über das Kind zuzuwenden. Davon reisst es sich jetzt los und dieser Prozess ist schmerzlich. Aber es konnte offenbar doch unter unserer Obhut einen so kräftigen Eigenwillen sich bewahren, dass es sich nun anschickt, ein lebensfähiges, individuelles Seelenkind zur Welt zu bringen und energisch das Tor zur Zukunft aufzustossen".

Ein solcher Gedanke kann sich, wenn er nicht nur in einer gut gelaunten Stunde flüchtig berührt, sondern innerlich konsequent gepflegt wird, verändernd auf erzieherische Grundhaltung auswirken: Man wird davon abkommen, die Krise beseitigen zu wollen, sondern wird dem Jugendlichen helfen, besser zu verstehen, was ihn so aufwühlt.

Jörg Undeutsch, www.PubertätVerstehen.ch
 

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