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Jan-Uwe Rogge:
Pubertät.
Loslassen und Haltgeben
  (224 Seiten)


Etwas altväterlich im Duktus ist Rogges Buch ein typischer Ratgeber. Rogge reiht Beispiel an Beispiel, Aussagen von Jugendlichen, Aussagen von Eltern, Gesprächsauszüge, Fallbeispiele - um dann vom Speziellen zum Allgemeinen zu kommen, meist klar gegliedert, nach dem Motto „Was lernen wir daraus?“: erstens, zweitens, drittens… - Die Beispiele wirken oft etwas heranzitiert, die Folgerungen (populär)psychologisch; dennoch finden sich einige wertvolle Gedanken im Bestseller des deutschen Familien- und Kommunikationsberaters. Besonders beachtenswert: seine Aussagen über die – relative - Bedeutung der Schule für das Leben Heranwachsender.

Einführende Gedanken - Drei Grundgedanken durchziehen dieses Buch:
1. „Viele Eltern scheuen Konflikte und Auseinandersetzungen mit ihren Heranwachsenden, sind gar der Meinung, die Erziehung sei in der Pubertät am Ende. Erziehung hat aber mit Beziehung zu tun, mit beharrlicher, nicht immer harmonischer Beziehungsarbeit.“
2. Es ist wichtig, „im Gespräch zu bleiben, Normen und Werte zu vermitteln. Nur in der Reibung, nur im Abarbeiten an vorgelebten Modellen kann der Pubertierende diese prüfen und übernehmen. Kritik und Streit, Absetzung und Ablehnung kennzeichnen diesen Vorgang.“ Beide, Jugendliche wie Eltern, haben ein Recht darauf, ernst genommen zu werden. „Wenn Eltern eigene Bedürfnisse um des lieben Friedens willen hintanstellen, führt das schnell dazu, dass Pubertierende die Bedürfnisse ihrer Eltern mit Füssen treten.“
3. Während der Pubertät ist nicht nur der Heranwachsende in Bewegung, dies gilt auch für die Eltern: „Aus der elterlichen Konzentration auf die Kinder, aus der familiären Gemeinsamkeit entwickelt sich eine neue Partnerschaft, eine veränderte Zweierbeziehung von Vater und Mutter.“

Pubertät schreit nach Erziehung
Vom Mut zur Gelassenheit und vom Mut zu Fehlern - „Der offene Umgang mit Fehlern ist eine Chance für Heranwachsende: Die Fehler der Eltern zeigen ihnen, dass sie keine perfekten Väter und Mütter haben, aber solche, die mit Krisen und Niederlagen umgehen können, die aus Fehlern lernen und bereit sind, Konsequenzen daraus zu ziehen. Ermutigender sind demnach nicht selbst entworfene Hochglanzbilder, sondern gelebte, nachvollziehbare elterliche Vor-Bilder.“ Eltern, die sich für ihre Kinder aufopfern, sind bei Heranwachsenden nicht sonderlich beliebt. Je mehr sie Heranwachsenden auf die Pelle rücken, desto weiter ziehen sie sich zurück. „Lassen Sie Ihrem Kind Zeit und nehmen Sie sich Zeit dafür, die Person zu verändern, die Sie wirklich verändern können: sich selbst!“ Pubertierende durchleben ihr anstrengendes Entwicklungsstadium selbstbewusster, können ihre Eltern entspannter loslassen, wenn sie eine emotionale und geistig-seelische Stabilität ihrer Eltern spüren. „Nehmen Sie Abstand von der Vorstellung, Ihre Kinder vor Krisen bewahren zu können. … Lassen Sie Ihre Kinder ziehen, aber begleiten Sie sie innerlich.“

Halt geben und Beziehung herstellen – „Der Pubertierende braucht personale Vorbilder, die raten und beraten, die mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten, die aber Rat und eine eigene Meinung nicht mit Kontrolle und Besserwisserei verwechseln.“ Jugendliche wollen sich reiben, sich messen. „Sie provozieren Streit darüber, was gut und böse, moralisch oder unmoralisch, richtig oder falsch, verletzend oder heilend ist. Erwachsene, die sich dieser Konfrontation nicht stellen, verunsichern Heranwachsende. Dann rütteln Jugendliche an Grenzen, dann handeln sie, um Erwachsene aus der Reserve zu locken.“

Vertrauen ist Zutrauen – Ständige Ermahnungen verunsichern Pubertierende. Sie wirken verkrampfend. „Je fester das elterliche Vertrauen, umso grösser ist das Ur- und Selbstvertrauen der Heranwachsenden, umso mutiger und selbstbewusster meistern sie komplexe Situationen. …Sich auf jemanden zu verlassen heisst auch, ihn zu lassen.“

Jugendliche brauchen Grenzen – Pubertierende besetzen die Begriffe Grenze und Regel nur dann negativ, „wenn sie mit Einengung, Bevormundung, mit Macht und Willkür einhergehen. Stehen diese Begriffe dagegen für Orientierung, für Halt und Auseinandersetzung, dann werden sie von Heranwachsenden positiv bewertet.“ Grenzen zeigen Jugendlichen an, dass sie für die Folgen ihres Handelns Verantwortung zu übernehmen, bei Überschreitungen Konsequenzen auszuhalten haben. Aber: „Fragen Sie sich, ob die für das Kind aufgestellten Grenzen Ihrer eigenen Bequemlichkeit dienen. Stellen die damit verbundenen Konsequenzen offene oder verdeckte Verbote dar, die den Heranwachsenden letztlich einengen? Oder sind sie der Entwicklung der Heranwachsenden dienlich?“ Konsequenzen müssen grundsätzlich in Zusammenhang mit dem Tun des Heranwachsenden stehen – und ihm vor einer Grenzüberschreitung klar sein. „Das Kind soll die natürlichen Folgen spüren, sie nicht als Drohung empfinden.“

Wenn konsequentes Verhalten ein störendes Verhalten nicht beendet, überlegen Sie, ob die Konsequenz sich aus der Sicht des Kindes als überzogen, nicht nachvollziehbar darstellt. „Halten Sie nicht an Konsequenzen fest, die nicht funktionieren!“ – Wenn Heranwachsende trotzdem laufend Grenzen überschreiten, geht es ihnen um Aufmerksamkeit. Dann gilt es zu schauen, welche Bedeutung das auffallende Verhalten für den Pubertierenden hat. „Beziehungskonflikte lassen sich nicht durch konsequentes Verhalten lösen, sondern nur, wenn man nach dem Sinn der Störungen fragt.“

Nicht nur die Kinder kommen in die Pubertät
„Elterliche Selbstaufopferung ist keine Tugend, sie wird von manchen Heranwachsenden (…) als Nötigung, als gefühlsmässiges Unter-Druck-Setzen empfunden.“ Nur wenn es Eltern gut geht, geht es Kindern gut. „Aus der Sicht der Heranwachsenden gilt: Je mehr sie spüren, wie sich Eltern auf die Partnerschaft zurückbesinnen, umso leichter fällt ihnen der Ablöseprozess.“

Wenn Vater und Mutter sich nicht einig sind – „Kinder und Jugendliche können mit unterschiedlichen Erziehungsauffassungen sehr wohl umgehen. …Doch müssen Heranwachsende sicher sein, an wen sie sich in bestimmten Situationen halten können. Es muss klar sein, wer die Verantwortung in der konkreten Alltagssituation trägt.“

Wie Kinder sich zu Erwachsenen entwickeln – Für die beginnende Pubertät ist ein egozentrisches Weltbild normal. „Zunehmend verfügen Heranwachsende über eine kritisch-analytische Fähigkeit, und diese setzen sie vehement im Streit und in den Auseinandersetzungen mit den Eltern ein.“ (Vergleiche hierzu den Begriff der „Gedankenpubertät“ bei Jeanne Meijs.) „Typisch für die Umbruchphasen, die der Neustrukturierung des Ichs vorausgehen, sind ein überzogener Egozentrismus und erhöhter Narzissmus. Heranwachsende beziehen alles auf sich, sehen nur sich, lassen anderes und andere nicht gelten.“ Kennzeichen: geringe Kompromissfähigkeit, Dogmatismus, Schwarzweissdenken, Grössenphantasien und Verhaltensregressionen, Selbstzweifel, Misstrauen, Minderwertigkeitsgefühle, Zukunftsängste, Weltschmerz. Ausdruck der „Spannung zwischen Prometheus, der die Welt neu erschaffen will, und der alltäglich erlebten Ohnmacht“.

„Die Pubertät ist eine Zeit des Experimentierens mit Wertvorstellungen und Haltungen: Jugendliche äussern nicht selten Extremes, schockieren und provozieren ihre Eltern mit Gewalt verherrlichenden und Menschen verachtenden Meinungen.“ Denn „um zu einer bewussten Sicht auf die Wirklichkeit zu gelangen, müssen sich Heranwachsende in das Land der Schatten und des Grauens begeben und sich einen Begriff des Bösen machen. Wer nur die Harmonie, das Gute kennen lernt, bleibt ein armer Mensch, spürt, dass ihm etwas vorenthalten wurde.“ Daher sind auch Freundschaften „ein bedeutendes Experimentierfeld für eigenständiges Verhalten. Sie bedeuten eine Gegenwelt zum familiären Rahmen, in der man elterliche Ansichten, Werte und Normen konterkarieren kann.“

Andererseits: „Die Ablehnung und Herabsetzung der Eltern, die manchmal gemein ist und wehtut, gelingt Pubertierenden nur dann, wenn es ein Urvertrauen zwischen Eltern und Heranwachsenden gibt, ein Band, das Spielraum ebenso zulässt wie starke Anspannung aushält.“

Klassische Konflikte im Familienalltag
In Kontakt treten, Atmosphäre herstellen – „Je mehr Jugendliche das Gefühl haben, nicht alles sagen zu müssen, desto freier drücken sie sich häufig aus, desto mehr geben sie preis, was sie mitteilen wollen.“ - „Eltern verkörpern Wissen, das Pubertierende erst erwerben müssen. Eltern bieten Bindung und damit Sicherheit. Pubertierende fühlen um diese Qualität des ‚Mehr’, sie verlangen dieses ‚Mehr’ geradezu von ihren Eltern – wenn auch nicht kritiklos.“ - „Manchmal sehen Eltern freilich Probleme, die für Heranwachsende überhaupt keine sind. Eltern konstruieren Konflikte und wundern sich dann, wenn ihnen keine Lösungen einfallen.“ - „Geben Sie keine ungefragten Ratschläge. …Haben Sie den Mut, abzuwarten, bis Ihr Kind kommt. …Beantworten Sie Fragen, und halten Sie keine Vorträge. …Eine ehrliche Antwort ist passender als eine perfekte.“

Die leidigen Medien – „Die Art der Kinostars, ihre übernatürlichen Kräfte wie selbstverständlich einzusetzen, die Mischung aus Phantasie und Wirklichkeit zieht Pubertierende in den Bann, weil sie sich durch das Ineinander von Traum und Realität ernst genommen fühlen. …Die Faszination ist ein unbewusster Protest dagegen, dass spezifische Ausdrucksmittel, die für die Pubertät so kennzeichnend sind – Bewegung, Lautstärke, Körpererlebnisse – nicht mehr spontan und intuitiv ausgelebt werden können.“

Konsumwünsche und Selbstbedienungsmentalität – „Wer Heranwachsenden keine Pflichten zumutet, die sie bewältigen können, entmutigt sie, gibt ihnen keine Verantwortung und sollte sich auf Dauer nicht wundern, wenn sie sich zurückziehen und nicht bereit sind, Aufgaben zu übernehmen. Ein Gefühl von Zugehörigkeit entwickelt sich bei Jugendlichen nicht allein durch emotionale Nähe zu Vater, Mutter oder Geschwistern, sondern auch, indem man ihnen häusliche Aufgaben und Pflichten zuweist. Indem Heranwachsende etwas leisten und ihr Können unter Beweis stellen, bauen sie Selbstbewusstsein auf.“

Schule – „Nicht wenige Eltern stöhnen darüber, wie das leidige Thema Schule die Familienatmosphäre vergiftet, sehen sich aber dafür nicht als Mitverantwortliche. Mir fällt auf: Das Schulthema wird in einigen Familien so beherrschend, dass über nichts anderes mehr geredet wird und andere – genauso wichtige – Alltagsbereiche völlig aussen vor bleiben. …Besonders heikel sind die Auseinandersetzungen um die Schule deshalb, weil es dabei selten um einen Sachkonflikt geht. Vielmehr handeln die meisten Beteiligten – bewusst oder unbewusst – einen Beziehungskonflikt aus. …Der Rückzug aus schulischen Angelegenheiten während der Pubertät ist normal. Die körperlichen, seelischen und gefühlsmässigen Entwicklungsschübe erfordern Kraft, ziehen Energie ab, die für intellektuelle Anstrengungen nicht mehr frei sind. Insofern sind Verweigerungshaltungen ein Zeichen für Reifeschritte. …Manche Eltern meinen (…), das Wichtigste, was sie ihren Kindern mit ins Leben geben können, sei eine hervorragende Schulbildung. Das ist wichtig, doch bedeutsamer sind für Kinder und Jugendliche die Ausbildung von Eigenständigkeit, von Selbstwertgefühl und das Urvertrauen, auch schwierige Lebenssituationen meistern zu können.“

„Spüren Pubertierende, dass die Zuwendung ihrer Eltern nicht von Leistungen abhängt, sondern bedingungslos ist, dann zieht das eine Stärkung des Selbstbewusstseins und des Urvertrauens nach sich. …Nur selbst erbrachte Leistungen, nur Erfolgserlebnisse aufgrund eigener Bemühungen stärken das Vertrauen in die eigenen Kräfte und die Motivation.“

Die verfluchten Hausaufgaben „Hausaufgaben sind keine Aufgaben der Eltern. Hausaufgaben sind letztlich eine Angelegenheit zwischen Lehrer und Schüler. Elterliche Unterstützung ist nur dann angesagt, wenn Heranwachsende um Hilfestellung suchen oder Lehrer in einem Gespräch die Eltern um Mithilfe bitten.“

„Familien haben häufig den Schlüssel für Problemlösungen in der Hand, ohne sich dessen bewusst zu sein. Es existieren immer Ausnahmen von der Beschwerdesituation. Nach denen gilt es zu suchen, diese muss man verstärken. Die Beteiligten können sich also fragen: Wann tritt das Problem nicht auf? Oder: Was muss passieren, damit die Ausnahmen häufiger vorkommen, vielleicht gar zur Regel werden?“

Sich ausprobieren – zum Risikoverhalten
Risikoverhalten kann verschiedene Hintergründe haben:
  • „Wenn man raucht oder Drogen nimmt, wenn man lang aufbleibt, die Nächte durchmacht und Alkohol konsumiert, dann ist man kein kleines Kind mehr.“
  • Protest oder Imponiergehabe.
  • „Die Pubertät ist manchmal durch einen Mangel an Selbstkontrolle und eine Dominanz von Allmachtsgefühlen gekennzeichnet. Der Körper des Pubertierenden entwickelt sich, gibt ihm das Gefühl von Macht, von Stärke und ungeahnten Möglichkeiten, sodass Gefühle von Unverletzlichkeit und ‚mir kann doch nichts passieren’ entstehen können.“
  • Suche nach Entspannung.
  • Ohnmachts- und Minderwertigkeitsgefühle; Flucht aus der Realität.

„Häufig weist riskantes Verhalten im Alltag auf eine emotional unbefriedigende Situation des Pubertierenden hin. Sie schreien wortlos um Hilfe, insbesondere dann, wenn sie sich nicht von den Eltern so angenommen fühlen wie sie sind, …Eltern an ihren Kindern nur das beobachten, was sie nicht können, Stärken übersehen oder Erfolge relativieren.“

„Identität bildet sich nur dann aus, wenn Heranwachsende die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit ihrer Um- und Nahwelt haben, wenn man ihnen die Chancen einräumt, sich selber zu fühlen und zu erfahren.“ Normen und Werte bilden sich nicht automatisch, sondern nur im Widerstand heraus.

Jörg Undeutsch, www.PubertätVerstehen.ch
 

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