Home
Einführung
Zwölf Thesen zur Pubertät
Bücher zur Pubertät
Julian Sleigh
Allan Guggenbühl
Jeanne Meijs
Henning Köhler
Peer Wüschner
Barbara Sichtermann
Jan-Uwe Rogge
Essentials
Selbstzeugnisse
Vorpubertät
Über mich
Kontakt

 
  


 
Peer Wüschner:
Pubertät: Das Überlebenstraining
für Eltern
  (160 Seiten)

Peer Wüschners Buch erinnert etwas an einen amerikanischen Erziehungsratgeber. Mit Zusammenfassungen des Wichtigsten in Fettdruck („Überlebenstipps“), zahlreichen Aufzählungen („Die zehn Säulen der Erziehung zur Freiheit“, „acht Mal Erziehung richtig würzen“, „Das kleine Sex mal Sex“), Übungen und dem ganz konkreten Vorschlag eines Punktebogens für die Taschengeldberechnung bläut es einem den „richtigen“ Umgang mit Pubertierenden geradezu ein. Dennoch: Das Buch enthält wertvolle Anregungen, als Ergänzung zu anderen Werken gelesen, lohnt sich die Lektüre allemal.

Die Wandlung der Beziehung – vom Kind zum Gegenüber
„Sie sind in der Pubertät mit Ihren Kindern an dem entscheidenden Punkt einer Reise angekommen, die mit grossen Erwartungen begonnen hat. Sie führt Schritt für Schritt vom idealisierten Bild, das Sie sich von einander gemacht haben, zu dem Menschen, der darauf wartet, dahinter entdeckt und ‚befreit’ zu werden.“

Den Erwachsenen fällt in dieser Umbruchzeit die Aufgabe zu, die Qualität des Miteinander zu formen, indem sie diese wie eine Blaupause für die Heranwachsenden vorleben. Dafür braucht es: Klarheit der Motive, Verständlichkeit der Gründe, Nachvollziehbarkeit des Handelns. Das Denken und Handeln der Erwachsenen sind die von den Kids heiss ersehnten Angebote, die möglichen Rankhilfen für das jugendliche Um- und Aufbruchchaos. Erwarten Sie aber keine Dankbarkeit für Ihre Mühen! Rechnen Sie eher damit, dass Ihr Denken, Ihre Motivation, Ihre Äusserungen und Ihr Handeln einer genauen Untersuchung unterworfen werden. Dahinter verbirgt sich eine verzweifelte Suche nach Halt und Orientierung: Eignen sich die Wertvorstellungen und Handlungsmaximen der Erwachsenen für mein eigenes Leben?

„Die Jugendlichen haben das Gefühl, der Boden, der sie bisher getragen hat, bricht auf einmal unter ihnen weg“, das Alte geht unwiderruflich zu Ende und das Neue ist ihnen noch nicht greifbar. Sie „ringen buchstäblich um ihr Leben“. Vorerst spüren sie das nur „als einen dumpfen Drang, der sie aus ihrem tiefsten Innern umtreibt.“ Sie „gründeln in eigenen Tiefen, aus denen sie mitunter explosiv voller Vorwürfe gegen die Erwachsenenwelt aufsteigen, um dann gleich wieder in ihren eigenen Untiefen zu versinken.“

Die Heranwachsenden wollen von den Grossen wissen, was es heisst, Mensch zu sein. Sie wollen sie in der Auseinandersetzung zur Ehrlichkeit mit sich selbst zwingen. Sie wollen sich an ihnen reiben, „um zu sehen ob sie standhalten – um selbst Halt zu finden“. Und sie wollen sich Anerkennung und Respekt der Erwachsenen erringen. Deshalb „sind Ernsthaftigkeit und Respekt die beiden Enden der Schnur, an denen Sie ziehen sollten, wenn Sie die weitere Entwicklung (...) mit den Jugendlichen gemeinsam gestalten wollen.“

„Pubertierende brauchen glaubhafte und lebendige Vorbilder, an denen sie sich reiben können, keine abstrakten, unpersönlichen Regeln“. „Ein selbstgerechter Moralapostel erreicht die Kids nicht, weil er sich in seinen Gefühlen, seinem Menschsein verweigert.“ Sie brauchen „persönliche Beispiele, die ihnen nachvollziehbar vorleben, wie sie ihre Gefühle, Träume und Bedürfnisse mit den sozialen Notwendigkeiten in Einklang bringen können.“ – „Lassen Sie die Auseinandersetzung mit Ihren Überzeugungen zu, statt die Kids in die Wüste unpersönlicher Prinzipien zu schicken.“

Übungsfeld Alltag – Humus, Feuchtigkeit und Sonnenschein für Pubertierende
Wenn Jugendliche Vertrauen haben, „dass Sie zuhören, ohne zu verurteilen und raten, ohne den jugendlichen Aufbruch mit Ihrem gelebten Leben zu ersticken, werden Ihnen die Herzen früher oder später zufliegen.“ Reden zu lassen, ist wichtiger als selber zu reden. „Jugendliche werden sich Ihnen dann öffnen, wenn sie glauben, dass Sie ihnen mit aufrichtigem Verständnis begegnen. Dies umso mehr, wenn Ihr potenzielles Verständnis auch Aspekte der Persönlichkeit mit einschliesst, die der Jugendliche bei sich selbst noch nicht verstehen oder akzeptieren kann.“ Viel von diesem Verständnis teilt sich nonverbal mit, wird mehr gefühlt als ausgesprochen.

Nähern Sie sich Jugendlichen behutsam. Es ist in Ordnung, sie auf Probleme anzusprechen. „Aber das kann nur ein Angebot sein; zwingen können Sie niemanden, dadurch erreichen Sie das Gegenteil.“ Vermeiden Sie W-Fragen: wann, wie, wo, wer, wie viel, warum. „Diese führen zu statistischen Daten, Bewertungen, Aufzählungen oder Rechtfertigungen.“ Ihr Part ist vorrangig, dafür zu sorgen, dass die Kids ins Erzählen kommen. Sie können die letzte Aussage wiederholen, spiegeln ohne zu werten; sie können Erzählfragen stellen und vertiefend nachfragen.

„Die Jüngeren brennen naturgemäss darauf, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, denn ‚Erfahrungen machen’ bedeutet ‚leben’. Demzufolge sind junge Menschen blind und taub für jeden noch so gut gemeinten und klarsichtigen Rat, der sich zwischen sie und ihre so verheissungsvoll und einzigartig ausschauenden Erfahrungsmöglichkeiten stellt.“ Junge Menschen, denen man in vermeintlich guter Absicht die Möglichkeit nimmt, die Resultate ihrer Handlungen zu erfahren, „werden immer wieder wie unter einem inneren Zwang an diese Punkte der Erfahrung zurückkehren.“ Sie können Jugendlichen helfen, mit den Konsequenzen fertig zu werden. Abnehmen dürfen sie ihnen nicht.

„Unterstützende und nicht wertende oder beurteilende, ungeteilte Aufmerksamkeit von Ihrer Seite schickt die Jugendlichen auf eine Reise nach innen.“ Sie bringt Seiten an und in ihnen zum Vorschein, die für alle Beteiligten, nicht zuletzt für die Teens, überraschend sind. „Zeigen Sie den Jugendlichen, dass Sie das Besondere in ihnen sehen können.“ Dieses Besondere zu sehen, können Sie üben: Schauen Sie sich Feinheiten in den Bewegungen ganz genau an oder die Art, wie Worte geformt werden. „Jeder Mensch, wirklich ausnahmslos jeder, hat besondere Gaben, über die er sich auf eine sehr persönliche Weise mitteilen kann.“

Fördern Sie auch die Wahrnehmung des eigenen „Schöpfertums“ im Jugendlichen selbst. Kochen, basteln, nähen, malen oder musizieren Sie zusammen. „Die Ergebnisse sind absolut zweitrangig, wichtig ist der Weg zu ihnen und was erlebt wird bei der Arbeit.“

Machen Sie Wünsche Ihrer Kinder zum pubertären Trainingsfeld. Jugendliche sollen selbst etwas dazu beitragen, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen können. „Auf etwas, das man sich (wenn auch nur zu Teilen) selbst verdient hat, kann man stolz sein.“ Es löst einen Schub für das Selbstvertrauen aus.

Treffen Sie Vereinbarungen mit ihren Kindern und verknüpfen Sie häusliche Aufgaben und Pflichten mit dem Taschengeld. „Zahlen Sie einen festen Betrag pro Woche aus, der vielleicht die Hälfte des regulären Taschengeldes beträgt und vergeben Sie den Rest nach Punkten, die sich an die Erledigung der alltäglichen Aufgaben und der Einhaltung von Vereinbarungen orientieren.“ Für besondere Leistungen, die ausser der Reihe sind, können Sie im Einzelfall „Tauschgeschäfte“ vereinbaren. „Dadurch können die Jugendlichen regulär etwas erhalten, was über ‚das Normale’ hinausgeht, anstatt dafür Regeln brechen zu müssen.“

Jugendliche lösen sich, bildlich gesprochen, aus der Struktur der Eltern und fangen an, sich selbst eine Form in eigenen Grenzen zu geben: Person zu werden. „Da stehen sie nun – allein gelassen und in die Welt hinaus gestossen, von niemandem, am wenigsten von sich selbst verstanden, in Gefühlen verschlossen, die sich dem Uneingeweihten nicht offenbaren, um dann explosiv hervorzubrechen und danach gleich wieder in ratloser Tiefe zu versinken.“ Dieses Auf und Ab und Hin und Her ist in Ordnung so, „denn ohne dieses Chaos der Gefühle und der Gedanken könnte sich keine neue, erwachsene Persönlichkeit bilden. Die Jugendlichen müssen sich von dem einfacher strukturierten Empfinden und Erleben als Kind verabschieden. Es muss im innern wie im Aussen alles auf den Kopf gestellt werden, alle Werte müssen umgewertet werden, damit sie schliesslich wieder auf den Füssen landen können – aber diesmal auf den eigenen.“

Pubertät ist „ein vorübergehendes Irresein an sich selbst“, der Pubertierende „ein Werde-Wesen, das täglich, mitunter sogar stündlich, neu entsteht. Nehmen Sie Anteil an diesem Werdeprozess“. Indem wir nicht so tun, „also ob ‚erwachsen Sein’ ein abgeschlossener Prozess wäre, sondern zeigen, dass das ganze Leben ein Umbruch und ein Wachstumsprozess ist (…) nehmen wir den Kids eine Riesenlast von den Schultern. Dies kann man am besten durch Humor erreichen und indem man hin und wieder auch sich selbst nicht so bitter ernst nimmt.“

Eltern werden ist nicht schwer – Eltern sein dagegen sehr
Die zehn Säulen einer erfolgreichen Erziehung zur Freiheit in der Pubertät sind:
1 Zuneigung empfinden. Es braucht zumindest mitfühlendes Interesse.
2 Eigene Bedürfnisse leben. „Die irrige Erwartung mancher Eltern, dass sie sich in selbstloser Liebe für ihre Sprösslinge aufzuopfern haben, führt nur dazu, dass den Kindern eine Riesenlast aufgebürdet wird. Wer möchte denn mit der Last, den Schuldgefühlen und den damit verbundenen unausgesprochenen Erwartungen leben, dass die Eltern auf ihr eigenes leben verzichtet haben, nur weil man das Licht der Welt erblickt hat?“ Wer erziehen will, „muss als Erstes bereit und willens sein, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.“
3 Vertrauen hüten. Respektieren Sie die Privatsphäre Ihrer Kinder
4 Konsequenz zeigen. „Behalten Sie immer im Auge, dass Konsequenz nicht Strafe meint. (…) Konsequenz ist Hilfe. Sie kann nur dann hilfreich wirken, wenn sie von Ihnen persönlich begleitet wird. Anonyme Konsequenzen, die verhängt werden, bleiben bestenfalls wirkungslos oder erreichen oft das Gegenteil von dem, was erhofft wird.“
5 Offenheit und Transparenz bieten. Das fordert von uns, im eigenen Handeln klar und nachvollziehbar zu sein. Und sich auch hinterfragen zu lassen. „Indem man sich nicht auf den Thron der Unanfechtbarkeit zurückzieht und sich einnebelt, begegnet man den Heranwachsenden in der Erkenntnis, dass wir alle Suchende sind – unser Leben lang.“
6 Einfühlungsvermögen beweisen. Jedes Verhalten hat seine innere Logik und Geschichte. Es braucht oft Zeit, Geduld und Liebe, um sie zu entdecken. Bei manchen Kids ist es so, als wollten sie testen, ob wir uns auch dann noch um sie bemühen, wenn sie sich so abstossend und negativ geben wie nur möglich.
7 Selbstverständliches Hinterfragen. Hinterfragen Sie lieb gewordene Sichtweisen auf sich und das Kind. Öffnen Sie sich neue Möglichkeiten, die das eigene Bild erweitern und ganz neue Facetten aufzeigen können.
8 Muster durchbrechen und überwinden. „Wenn Sie sich um konsequentes Handeln bemühen, sich der Auseinandersetzung darüber nicht entziehen und generell Transparenz und Offenheit im Umgang miteinander nicht verweigern, haben Sie unter normalen Umständen beste Voraussetzungen für eine gedeihliche Entwicklung des Verhältnisses geschaffen.“ Die Pubertät ist aber nicht selten eine Aneinanderreihung von Ausnahmezuständen. „Dann kann es Erfolg versprechend sein, fest gefügte Aktions-Reaktions-Muster zu unterlaufen, die auf der Berechenbarkeit der Verhaltensweisen der Erwachsenen beruhen“: verhalten Sie sich anders, überraschend. Nicht willkürlich, aber konsequent.
9 Sich Freiräume schaffen und Beweglichkeit trainieren. Ziehen Sie sich auch einmal zurück. „Besser, Sie nehmen sich regelmässig etwas Zeit, als auf ‚die Gelegenheit’ zu warten, die sich dann doch nicht einstellt oder aber im letzten Moment zunichte gemacht wird.“
10 Erfolge gemeinsam feiern.

„Sich selbst lieben zu lernen (…) ist vielleicht die wichtigste, vielleicht auch schwierigste Aufgabe, die Eltern gestellt ist: trotz all der Fehler und Unzulänglichkeiten sich so, wie man ist, als genau richtig, liebenswert und besonders zu erleben – ohne dabei so zu tun, als wäre man vollendet. Dadurch dient man dem Nachwuchs als ein lebendiges und menschliches Beispiel für dessen eigenes Leben, das Wärme und Orientierung vermittelt.“

„Je früher man sich darauf trainiert, den Kindern keine Erfahrungen abzunehmen, desto besser ist es.“ Überbeschützte Kinder und Jugendliche sind in der Regel viel anfälliger für Gefahren, weil sie nach genau den Erfahrungen lechzen, die ihnen fehlen, aber nicht gelernt haben, die Konsequenzen ihres Handelns abzuschätzen und mit ihnen angemessen umzugehen.“ Eltern sollten „versuchen zu verstehen, was die Jugendlichen an einer ganz bestimmten Erfahrung so fasziniert“ und sie anregen, selbst darüber nachzudenken. „Geben Sie Ihren – selbstverständlich zu begründenden – Befürchtungen und Sorgen Ausdruck und suchen Sie gemeinsam nach einer Vereinbarung, in der Sie beidem – Wünschen und Ängsten – gerecht werden können.“

Die Jugendlichen sind ohne eigenes Zutun in eine Krise geraten. „Das Leben bricht mit solcher Intensität über sie herein, dass ihnen alles, was nach Gleichmass und Harmonie aussieht, höchst suspekt vorkommt und nur widerwillig akzeptiert wird. Es steht eben in krassem Gegensatz zu ihrem inneren Erleben.“ Stürmische Zeiten erfordern besonnenes Handeln. „Man gönnt sich und den Kindern an einigen Stellen ‚Erholungsphasen’ im ‚Erziehungskampf’, in denen man auch mal fünf gerade sein lassen kann und man konzentriert seine Kraft auf ein oder zwei Punkte, was die Erfolgsaussichten beträchtlich erhöht.“ Das aber hartnäckig und unerbittlich.

Überlegen Sie die möglichen Konsequenzen für Sie als Eltern und für Ihr Kind bevor Sie etwas erlauben oder verbieten; stimmen Sie sich immer wieder ab. Uneinigkeit ist fatal für jedes erzieherische Bemühen – und für die Kids. Sie lernen dadurch, Menschen gegeneinander auszuspielen. Handeln Sie nicht aus dem Bauch heraus heute so und morgen so. Verzichten Sie nicht auf einen Beitrag des Kindes. Es darf gerne ein Opfer an anderer Stelle sein, weil das die Kids zwingt, sich zu überlegen, ob ihnen der Wunsch das wert ist. Behalten Sie dabei den wesentlichen Punkt im Auge: Regeln und die Auseinandersetzung mit ihnen sollen dem Jugendlichen helfen, auf dem Weg zu eigenen Massstäben voranzukommen. Und wenn der Jugendliche eine Vereinbarung bricht: Handeln Sie besser am nächsten Tag und überlegt. Konfrontieren Sie Ihren Jugendlichen mit Ihren Gefühlen, sagen Sie, warum Sie so aufgebracht sind. Überlegen Sie sich Konsequenzen, die einen klaren inhaltlichen und formalen Bezug zu der gebrochenen Vereinbarung haben und sprechen Sie diese Gründe auch an.

„Die Pubertät gehört den Pubertierenden und ist von diesen allein zu durchleben, zu bewältigen und zu meistern. (…) Der Kern des Geschehens liegt in den Jugendlichen und kann auch nur dort bewältigt werden. Was nicht im und vom Jugendlichen selbst gelöst wird, bleibt unverarbeitet. Nimmt man ihnen Eigeninitiative, eigene Aktivität und ihre notwendigen Entscheidungen in vermeintlich bester Absicht ab, so lädt man ihnen dafür ein gehöriges Päckchen unbewältigter Aufgaben auf, die immer wieder in den nächsten zehn, zwanzig, dreissig, vierzig Jahren als Hindernisse auf ihrem Lebensweg auftauchen werden.“ Jugendliche haben ein Recht auf ihr eigenes Leben.

Grenzerfahrung Pubertät
„Häufig sind äussere Erfahrungen der Ausgrenzung, Gewalt und Ablehnung (…) Ursache dafür, dass jemand sich als Grenzverletzer einen Namen macht. Diese Jugendlichen haben die Überzeugung entwickelt, nichts oder weniger wert zu sein und nicht dazuzugehören. (…) Der Wunsch nach einer starken und stützenden Gemeinschaft, die einen anerkennt und gegen Ausgrenzung und Ablehnung in Schutz nimmt, ist in diesen Fällen oft die Triebfeder des eigenen Handelns. (…) Die Rebellion gegen die Gemeinschaft entpuppt sich als die Sehnsucht, in ihr aufzugehen und an ihr teilhaben zu dürfen.“

„Jemand, der sich als nicht geliebt, nicht verstanden und nicht gewollt erlebt, der von sich glaubt, nicht liebenswert, nichts wert zu sein, warum sollte der sich an irgendwelche Regeln einer Gemeinschaft halten, die ihn offensichtlich ablehnt, sich gegen ihn wendet und in seinem persönlichen Erleben von sich ausschliesst (…)? Muss er nicht opponieren, um sich zumindest im Gegensatz zur ersehnten Liebe und Anerkennung – in der Ablehnung und dem Hass – als lebendig zu erfahren und lebensnotwendige, in diesem Fall negative Aufmerksamkeit zu erhalten? Nur um zu erfahren: Ich bin dir nicht gleichgültig?“

„Diese Kids brauchen Aufgaben, die sie in ihren Anlagen und Fähigkeiten ansprechen und fordern – viel mehr als Regeln, die sie bremsen.“ Geben Sie ihnen Bedingungen, an denen sie wachsen können, statt sie klein zu machen. Geben Sie ihnen Gelegenheit, ihr Anerkennungsdefizit aufzufüllen. Geben Sie ihnen Verantwortung.

„Der Weg zur eigenen Persönlichkeit führt über das Spiel von Rollen, die man zeitweise trägt und die man wechseln kann wie Kleidungsstücke.“ Sie werden „mit einer Intensität und Hingabe gespielt, die ihnen den Anschein von Wirklichkeit geben. (…) Dabei ist kein Mittel einschliesslich Heulkrampf, Nervenzusammenbruch und Selbstmorddrohung zu billig, als dass man es nicht probieren könnte.“ Lauthals vorgetragene Überzeugungen sollten auch unter diesem Blickwinkel gesehen werden: als Probezustände. Im Idealfall gewinnen junge Menschen dadurch an Einfühlungsvermögen für gegensätzliche Haltungen und Meinungen, auch wenn es nicht die ihren sind. Denn sie haben sich im Heranwachsen durch wechselnde Überzeugungen sozusagen Innenansichten verschiedener Gemütszustände, Haltungen und Einstellungen dem leben gegenüber verschafft. Das ist Bildung im besten Sinne“.

Die Entdeckung des Geschlechtlichen – das kleine Sex mal Sex
„Helfen Sie den Jugendlichen, Unterscheidungsvermögen und Verantwortung zu entwickeln, indem Sie miteinander über Sexualität, Partnerschaft, Liebe, Lust und Leidenschaft, Geschlechtskrankheiten und Verhütung sprechen.“
1 „Ich empfehle Ihnen, mit Ihrem Kind eine Abmachung zu treffen. Freund oder Freundin können bei Ihnen übernachten, wenn es sich um eine festere Beziehung handelt, beide es wünschen und die Eltern einverstanden sind.“
2 „Sie sollten darüber sprechen, dass es einen grossen Unterschied zwischen Liebe, Lust und Leidenschaft gibt und wie man das auseinander hält.“ Versuchen Sie sich in Ihre Kinder und deren Sehnsüchte einzufühlen und reden Sie darüber.
3 „Sprechen Sie sachlich und nüchtern über Geschlechtskrankheiten, ihre Ursachen, wie man sie erkennt und was man zur Vorbeugung tun kann.“ Sprechen Sie über Verhütung, die verschiedenen Wege, Vorteile, Nachteile und Verfügbarkeit. Führen Sie Mädchen vor Augen, was es heisst, ein Baby zu haben.
4 „Es kann nicht schaden, wenn Sie auch über Ihren Umgang mit Sexualität, Liebe und Partnerschaft zu erzählen bereit sind. Sehr vorsichtig und mit der Einschränkung, dass Eltern meist als asexuelle Wesen empfunden werden“.
5 „Nehmen Sie Ihren Kindern den Druck, jetzt etwas Bestimmtes leisten zu müssen.“
6 „Tragen Sie durch Ihr Verständnis und Ihre Offenheit dazu bei, dass es für Ihr Kind eine wundervolle Erfahrung werden kann, mit dem Menschen seiner oder ihrer Wahl zu erleben, wie wunderschön es sein kann, zu lieben und geliebt zu werden.“
Drogen
„Jugendliche empfinden sich als absolut einzigartig und erleben alles, was sie tun, so, als ob sie der erste Mensch auf Erden wären, der dies je getan hätte. Sie erleben sich als Zentrum des Universums und sind von diesem Erleben ganz eingenommen. (…) Die Vorstellung eigener Grossartigkeit wechselt sich ab mit dem Empfinden grösster Unsicherheit und Lächerlichkeit. (…) In der Pubertät lösen sich Grenzen auf und neue müssen sich erst herausbilden. Diese Zeit ist mit einem vibrierenden Gefühl von Lebendigkeit und unbegrenzten Möglichkeiten verbunden. (…) Jugendliche befinden sich in einer permanenten Aufbruchstimmung. Drogen setzen bei diesem Gefühlschaos und bei diesem Rausch der Möglichkeiten an und verstärken einzelne Aspekte davon so sehr, dass sie intensiver und wirklicher und damit verlockender erscheinen können als die normale Alltagswelt. Man fühlt sich also lebendiger und hat das Gefühl, noch intensiver zu leben als ohne Drogen. Das macht die Hauptfaszination von Drogen für Jugendliche aus.“ Andererseits wirken sie als Betäubungsmittel. Tiefer Drogenabhängigkeit geht deshalb meist ein überwältigendes Gefühl der Hoffnungslosigkeit voraus, „das wie ein grosser schwarzer Schatten über dem Leben des Jugendlichen liegt.“ Letztlich ist bei allen Drogen die entscheidende Frage, warum es die Kids zu gerade diesen Drogen hinzieht. An diesem Punkt können Sie als Eltern und Pädagogen ansetzen.

Was Sie tun, wenn Sie nicht mehr weiterwissen
„Die Frage, wie sich ein Weg aus einem Teufelskreis herausfindet, ist viel nützlicher als die Frage nach einer Schuld.“ Die Frage nach dem Weg heraus ist eine Frage nach vorn. „Der erste Schritt zur Heilung liegt darin, das Problem anzuerkennen und in der Bereitschaft, die eigene Rolle darin anzuschauen, auch wenn es wehtun sollte, um daraus lernen zu können.“

Konkretere Hilfen bietet Peer Wüschner über seine Homepage www.blauespferd.de an, auf die er in seinem Buch wiederholt hinweist.

Jörg Undeutsch, www.PubertätVerstehen.ch
 

 Nach oben