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Henning Köhler:
Jugend im Zwiespalt
  (256 Seiten)

Streckenweise erfordert es etwas Konzentration. Aber nach wie vor ist dieses fundiert anthroposophische Buch das gründlichste Buch zur Pubertät, das es gibt. Der Untertitel „Eine Psychologie der Pubertät für Eltern und Erzieher“ ist Programm: Henning Köhler zeigt, zu welchen Leistungen eine Psychologie fähig wäre, die anthroposophische übersinnliche Forschungsergebnisse mit konkreten, liebevollen Beobachtungen verbindet, um - jenseits gelehrter Spekulation - zu Aussagen über seelische Wirklichkeiten zu kommen.

Geleitwort zur Neuausgabe 1999 - „Wenn der Jugendliche nur die Wahl hat zwischen kleinbürgerlicher Ödnis auf der einen und dunklen Verlockungen auf der anderen Seite, dann muss er entweder seine Sehnsucht zum Schweigen bringen, also sich unentwegt ablenken, betäuben, zerstreuen, oder er wählt das Dunkle. Denn es ist die schlimmste aller Möglichkeiten, die Sehnsucht zu spüren, sie herauf zu lassen, ihr nicht auszuweichen, sie nicht zu übertölpeln (...) und doch ausweglos fest gehalten zu sein im Grau(en) des gewöhnlichen, glanzlosen, aussichtslosen Dahinlebens. Grau ist schrecklicher als Schwarz. Das müssen wir uns merken, wenn wir Jugendliche zu erziehen haben.“

Vorbemerkung des Verfassers – „Bis zu welchem Alter und in welchem Umfang geht es überhaupt darum, im Lebenslauf eines Menschen etwas abzuwenden, ‚ihm ersparen’ zu wollen? Ab wann kommt es vielmehr darauf an, eine Art verstehend-begleitendes ‚Wächter’-Amt wahrzunehmen: unaufdringlich ratend, in stillem Freundesdienst Scherben aufkehrend und bittere Konsequenzen mildernd, sich bereit haltend für seltene, aber umso kostbarere Stunden der Gesprächsbereitschaft?“

Entwicklung zwischen Bedingtheit und Freiheit
Die verlorene Heimat – Der Lebenslauf ist eine dauernde Auseinandersetzung des im Geistigen sich haltenden Wesensanteils des Menschen mit allem, wodurch er Naturwesen ist. Der „innerste Richtungsimpuls biografischen Werdens“ arbeitet sich „schrittweise durch die zunächst übermächtig ihm aufgezwungenen irdisch-naturhaften und genetischen Gesetze und soziokulturellen Vorfindlichkeiten“ hindurch und überwindet sie im Individuationsvollzug. In der Pubertät entdeckt und erprobt der heranreifende Mensch erstmals „seine Begabung zur biografischen Selbstverursachung“. Das ist „notwendig ein Vorgang des Ausgestossenwerdens aus einer Schutzzone der Geborgenheit“: „Die Bedingungswelt, das heisst die Welt der selbstverständlichen Gegebenheiten, wird auf Abstand gebracht und entwertet, ihres Rechts auf Mitwirkung enthoben“ – eine „Distanzierung und Disqualifikation von Heimat“ (die auch den eigenen Leib betrifft): „Das ‚Land der verlorenen Zufriedenheit’ wird, um den schmerzlichen Verlust erträglicher zu machen, verleugnet, wo nötig diffamiert.“ – „Es wird der ‚Heimat’ zur Last gelegt, dass die Welt, wie der Jugendliche jäh begreift, voller Bosheit, Hässlichkeit und Lüge ist. Enttäuschung, Scham, Einsamkeit erfüllen die Seele – aber da ist auch dieser Ruf, der Hoffnung und Tatendrang weckt.“ Die Frage: „Wer bin ich?“

„Eigenes und Fremdverursachtes wirbeln im Rückblick auf die Lebensgeschichte der Kindheit (...) Schwindel erregend durcheinander. Das Bedürfnis, in diesem Chaos Ruhe und Übersichtlichkeit herzustellen, ist gewaltig und sieht sich zugleich einer solchen Mühsal gegenüber, dass aus unklar empfundener Versagensangst der wütende Entschluss reift, sich mit dem Ordnung schaffen nicht lange aufzuhalten, sondern den ganzen Wirrwarr kurzerhand auszulöschen, das heisst, die Vergangenheit auszulöschen.“ Ganz ausgefüllt von der Frage „Wer bin ich?“ „wird die Seele ergriffen von etwas wie einer kleinen Selbstmordabsicht: Alles, was mir wiederfahren ist, soll ausgelöscht werden, denn es verzerrt meine Frage.“ Es geht darum, „das Vergangenheitsgepäck abzuschütteln, um frei in die Zukunft zu schreiten gleich dem Auswanderer, der alle Brücken zur Heimat abbricht, Hab und Gut verkauft, um in einem fernen, verheissungsvollen Land neu zu beginnen.“ So findet sich der junge Mensch in einem „Niemandsland zwischen Heimatverleugnung und Zukunftsangst“ wieder.

Die Seele wird von Angst erfüllt, einer „durch nichts Äusseres ausgelösten ‚angustia’ (Enge, Druck, Fessel), hinter der sich ein ‚Abgrund des Unbekannten’ auftut“. Verursacht dadurch, „dass ein Strom an das Seelenleben heranbrandet, der alles dasjenige mit sich führt, ‚was Begehrungen, Wünsche ... was die Phänomene von Liebe und Hass sind’ (Steiner), (...) Gefühle mit Wunschcharakter, Sehnsuchtscharakter, positiv oder negativ“, denen die Jugendlichen mit ihrem Urteil nicht gewachsen sind. „Die Zukunft – als solche, urteilend nicht zu bewältigen, gleichsam ein von fremden Stimmen, Klängen, Düften und Lockrufen erfüllter Nebel aus ‚unstrukturierter Zeit’ (M. Lawrence) – drängt in die Jugendseele herein und die Vergangenheit, jetzt erst als solche ansichtig, entgleitet ins Ungewisse.“

Das leidvolle Erwachen an der Welt - „Als würde ein Schleier von einer Lichtquelle fortgezogen, während ein anderes Licht erlischt, werden harte Konturen sichtbar, Kontraste, Licht und Schatten, im direkten und übertragenen Sinne. Zugleich entsteht das peinigende Gefühl, selbst, vor aller Welt entblösst, in diesem grellen Licht zu stehen.“ Das plötzliche Aufmerksamwerden auf die eigene Seelengestalt „mit eigenen ‚geheimen’ Träumen, Sehnsüchten und nicht opportunen Bedürfnissen, ist ein stark von Schamgefühlen durchsetztes Ereignis. (...) Es ist die Stunde des Rückzugs in die eigene Seelenkammer, die Tür wird verriegelt, der Spiegel hervorgeholt. Das Kind sieht sich, und wer behauptet, dies sei ein erhebender Anblick, dem ist nur die Erinnerung daran verblasst, wie das damals war. Von nun an lebt im Herzen des Kindes die argwöhnische Furcht: Was ich gesehen habe, sieht jeder andere, der mich anblickt. Es beginnt sich zu verhüllen, zu verstellen, die Verlockung der Lüge tritt in sein Leben.“

Zum ersten Mal in seinem Leben gerät der jugendliche Mensch in eine Situation der Angst und Hilflosigkeit, mit der er allein fertig werden muss – ein „Chaos aus Liebebedürftigkeit und schroffer Abwehr, Aggressivität und Hyperverletzlichkeit“ ist die Folge. Nun hilft es nichts mehr, das Verhalten der Jugendlichen zurecht biegen zu wollen. Vielmehr muss uns die Frage leiten: „Was kann in die jugendliche Seele hinein gelegt werden, damit sie das, was ihr jetzt widerfährt, später als sinnvoll verfügbaren Baustoff für ihr biografisches Lebenswerk wiederfindet?“ Der Jugendliche fragt sinngemäss: „Zeige mir, wo du, ohne äussere Veranlassung und konventionelle Nötigung, jenseits eingeübter Gewohnheiten, fernab von materiellem Erfolgsstreben oder karrieristischem Ehrgeiz, rein aus deinen individuellen Willensimpulsen heraus denkst, fühlst und handelst; zeige mir, wo du ungebrochen nur du selbst bist, denn dies bei Erwachsenen zu erleben, flösst mir Zuversicht ein.“

Für die in der Jugendseele erwachende Individualität hängt „viel davon ab, ob sie (Selbst-)Gestaltungsräume sieht, Ansatzpunkte für den sozialkünstlerischen Impuls, den sie als authentisches Wesensmerkmal mitbringt.“ Nicht aus kaltem Wissen und mechanischem Training von Fertigkeiten „gewinnt der heranwachsende Mensch Lebenszuversicht, sondern indem er, angeregt zum gestalterischen Tun und erfüllt von Seelen stärkenden Bildern, erfährt, dass es einen Weg ‚vom Geschöpf zum Schöpfer’ gibt“. Im Jugendalter kulminiert die Frage: „Bin ich nur ein Rad im Getriebe der Welt, ohnmächtig und auswechselbar, oder braucht mich, ganz ausdrücklich mich, diese Welt?“

Spurensuche - „Jedes Kind trägt seine ‚konkrete Utopie’ über die Schwelle der Geburt, aber sie sinkt ins Reich des Vergessens und entfaltet ihr Wirken aus der Verborgenheit.“ Der junge Mensch – hier beispielhaft Michaela – „sucht, ziellos umherirrend noch, Orte, Situationen, Menschen, von denen sie sich verspricht, dass durch sie etwas in ihr zum Erklingen gebracht werde, was ihr ur-vertraut ist, vertrauter noch als die Heimat, von der sie Abschied nimmt: die Musik, von der sie umgeben war, als sie beschloss, dieses Leben zu leben.“ Wenn zu viel Fremdes mitgearbeitet hat in den ersten, wehrlosen Jahren, kann die Angst aufsteigen, für alle Zeit verloren, sich selbst entglitten zu sein. „Diese Angst, das eigene Ich sei unauffindbar verschüttet, kann sich bis zur Selbstmordabsicht steigern.“ Denn „wenn es denn ein Urverlangen gibt, so ist es das Verlangen, die eigenen Lebensleitmotive wieder zu finden und ihnen zu folgen.“

Alles, was der Jugendliche tut, „dokumentiert die Höhen und Tiefen eines mühsamen Erinnerungsvorganges, der nie vollständig gelingt – wie wenn einem der Name eines alten Freundes ‚auf der Zunge liegt’, man kann ihn förmlich schmecken, aber man bringt ihn nicht heraus und sagt sich: Hör auf nachzudenken, zerstreue dich, tu etwas anderes, dann fällt’s dir schon ein.“

Sinnverneinung und Fernweh - „Es geht um das Staunenkönnen über die grenzenlosen Möglichkeiten der schöpferischen Phantasie und des erkennenden Denkens. (...) Das Übersinnliche will im Sinnlichen, das Geistige im Materiellen ‚mitschwingend’ erlauscht werden. Zugleich wagt sich das Denken spielerisch vor ins Absurde, kühn Assoziierende, in eine manchmal provokative Anti-Logik.“ Den Jugendlichen „interessieren Wissensinhalte nur in so fern, als sie ihm Anregungen zum Träumen, Fabulieren, Entdecken und Erfinden geben können. (...) nicht die Realitäten beargwöhnt er, sondern die Kapitulation vor ihnen, das pragmatische Sich-Abfinden mit ihnen.“ Das Bild eines „sensiblen Rebells“ entsteht: „Die Geburt der Jugendseele ist geglückt; sie steht vor uns mit all ihren bangen Fragen, in ihrer ganzen Schutzlosigkeit, Bedürftigkeit, Schamhaftigkeit und Wildnis. Sie ist hoch intelligent, diese Jugendseele, aber ständig mit sich selbst überfordert. Sie braucht Zeit, sich in Worte zu fassen und zu begreifen, wohin die sehnsuchtsvolle Unruhe drängt, von der sie ganz erfüllt ist. (...) Wir müssen wissen, dass wir diesen Durst am wenigsten durch belehrende Aufdringlichkeit stillen können.“

„Die Wahrheitssuche des Jugendlichen richtet sich nicht auf das Fertige, sondern auf das Mögliche, nicht auf das Unumstössliche, sondern auf das Noch-zu-Errichtende.“ Der Jugendliche trägt der Erwachsenenwelt eine Frage entgegen, auf die es nur eine ‚richtige’ Antwort gibt - „eine Art ‚ermutigende Auskunftsverweigerung: Du bist auf dem richtigen Weg; nur die Antworten, die du selbst findest, sind für dich von Wert.“ „Falsch ist alles, was von aussen festlegend eingreift; richtig alles, was dazu geeignet ist, den innerseelischen Dialog als solchen zu beleben, zu bekräftigen, offen zu halten.“

Wirklichkeitsnah, erlebnisgesättigt will der Jugendliche diskutieren und der reifere, Ältere ist als Gesprächspartner umso willkommener, je deutlicher er zu verstehen gibt: Auch ich bin nur Suchender.“ Am meisten können Jugendliche jetzt anfangen „mit autobiografisch gefärbten Schilderungen eigenen Erkenntnisringens mitsamt Rückschlägen, Irrtümern und Selbstzweifeln.“ Der Jugendliche sucht unter den Erwachsenen solche, „in deren Nähe er einfach spürt: Meine Fragen, Zweifel, Sehnsüchte, Irrwege, Rebellionen werden nicht nur als biologisch bedingte, vorübergehende Erscheinungen je nach sozialer Duldsamkeit genehmigt oder getadelt, sondern ernst genommen und für sich genommen als Ausdruck des Dauerhaftesten, was es geben kann: meiner Suche nach mir.“

Wandlungen der Selbst- und Welterfahrung
Die Wahrnehmungswelt des Kleinkindes – ist die der „Welterfahrung durch leibbezogene Selbstwahrnehmung“. Der physische Organismus entwickelt sich unter der Regie des sich konstituierenden Bildekräfteleibes, des prozessoralen Gefüges, das den Körper durchsetzt und wie dessen „Architekt“ dem Körper Gestalt gibt und ihn belebt. Als wahrnehmendes und fühlendes Wesen ist das Kleinkind überwiegend diesem Geschehen hingegeben. Um die „aus dem Inneren heraus plastisch gestaltenden, Leib aufbauenden Kräfte gegen Überfremdung zu sichern“, schliesst sich das Kind seelisch gegen die Aussenwelt ab. Was in der Umgebung des Kindes sich abspielt, wirkt sich in ihm vor allem organisch aus: Auf einen Streit der Eltern reagiert das Kind mit Fieber.

Die Wahrnehmungswelt nach der Schulreife – ist „Selbsterfahren durch gefühlsbezogenes Weltwahrnehmen“. Das Schulkind verfügt über ein selbstständig wirkendes Gefühlssystem, es wendet sich mit unmittelbarer Emotionalität den Welterscheinungen zu, es „staunt“. War es in den ersten sieben Jahren einem Instrumentenbauer zu vergleichen, ist die Violine nun fertig und muss eingespielt werden. „Er interpretiert die Kompositionen der Schöpfung und indem er dies tut, indem also der einstige plastische Nachahmer nun zum musikalischen Mitbildner wird, erfährt er Ungeahntes über sich selbst.“ Dies ist die konstituierende Reifungszeit des Seelenleibes, jenes Kräftezusammenhanges, der
„1. die Grundlage abgibt für unser Begierden- oder Begehrungsleben,
durch den wir 2. innerlich und äusserlich bewegungsfähig sind
und 3. eine Gefühlswelt aufbauen können, innerhalb derer von allem äusserlich-bildhaft Wahrgenommenen gleichsam eine Essenz als Empfindungsqualität weiterlebt.“
Das Schulkind nimmt sich als Gemütsmensch, Empfindungsmensch in seiner inneren Bewegtheit wahr, vermag sich aber noch nicht individuell auszudrücken, die Impulse, die nach selbstbewusst-seelenhaftem Ausdruck streben, werden noch an der Peripherie aufgehalten und zurückgeworfen. Dadurch bildet sich eine basale „Gedächtnisschicht“ aus, eine Gewohnheitsstruktur, ein Arsenal von Erklärungs- und Einordnungsmustern, die auf alle möglichen Erlebnisse routinemässig angewandt werden. Der Bildekräfteleib differenziert und individualisiert sich. Auf diesem fest gefügten Gedächtnisgrund „steht und geht der seelische Mensch wie der physische auf dem Erdboden.“

Von der Angst, sich zu verlieren - Zwischen 10 und 12 wandelt sich das naiv-umweltoffene Staunen in ein rückspiegelnd-selbstbeschauendes Staunen und wendet sich nach innen: Verhüllung. Ihr folgt die Pubertät als Zeit der Enthüllung: „Der Musiker betritt die Bühne, um seine eigenen Kompositionen und Improvisationen vorzutragen und es ist ihm, als müsse er vor Lampenfieber, Unsicherheit und Versagensangst im Erdboden versinken.“ Die konstituierende, „embryonale“ Reifezeit des Seelenleibes ist abgeschlossen, er beginnt, sich als Ausdruckswesen, Ausdrucksgestalt aufzurichten. „Das Kind tritt in seelischem Sinne ‚enthüllt’, ‚nackt’ in seiner ganzen verletzlichen Empfindsamkeit vor die Welt hin". Die Berührung mit der Welt ist unmittelbar, wechselseitig und durch nichts mehr abgeschwächt. „Jetzt steigt jene Angst deutlich spürbar auf, die damit zusammenhängt, dass dasjenige, was wir ‚basales Gedächtnis’ genannt haben (der eigene, innere Daseinsgrund, das Fundament der Ich-Identität) im Strudel der Ereignisse zusammenbrechen, der Boden unter den Füssen schwankend werden könnte. (...) Die Angst wird zur Seeleneigenschaft, das heisst zu einer stetigen Farbe des Lebens, objektiv wie Müdigkeit oder Hunger“, eine latente, auf nichts Bestimmtes bezogene Grundangst.

Scham und Zweifel – Das kleine Kind verspürt eine Antipathie gegen das gefühlsmässige Weltwahrnehmen, das sinnliche Erwachen, die herandrängende Zukunft. Es ist ein nachahmend-weltzurückweisendes Wesen. Etwas davon lebt im Schulkind als Ekel weiter. Der Ekel verhindert, dass das Schulkind zu schnell aufwacht und sich in die Welt veräussert. Trifft der Ekel auf die Grundangst des seelisch enthüllten Menschen und verbindet sich mit ihr, erwächst die Scham: eine von Ekelgefühlen durchsetzte Existenzangst. „Das Gewahrwerden der eigenen Unzulänglichkeit gegenüber dem, was als Wunschbild des eigenen Werdens vor dem inneren Auge sich abzeichnet, ist hier massgeblich. Die beschriebene Angst, ‚sich zu verlieren’, ist in ihrer eigentlichen, urphänomenalen Bedeutung Angst vor dem Verlust des idealen Selbstbildes bzw. der Fähigkeit, ein solches Bild hervorzubringen und aufrechtzuerhalten.“

Die Scham erwächst primär, wenn die Angst innerhalb des Empfindungszweiklanges Angst und Ekel überwiegt. Wenn vor allem der Ekel sich ausbreitet mit angstvoller Färbung, tritt die Stimmung des Zweifels, des Misstrauens auf, nicht einer einzelnen Person oder einem bestimmten Sachverhalt, sondern dem Leben als solchem gegenüber. „Zwischen Scham und Zweifel sucht sich die ‚neu geborene’ Jugendseele ihren Weg zur Ich-Verwirklichung.“

Der Weg zum Herzen – Das Aufbrechen des existenziellen Zweifels ist ein Widerschein jener Antipathiekraft der ersten Kindheitsjahre, die das Seelenwesen vor der Überwältigung durch die Aussenwelt bewahren wollte und als Ekel im Schulkind weiter lebte. Das Schulkind grenzt sich antipathisch gegen die leibbezogene Selbstwahrnehmung der Kleinkindjahre, gegen die Vergangenheit ab, es will das ganze Bildekräftepotenzial zum Seelisch-Ausdruckshaften, Sinnlichen hin orientieren. Das löst die Angst vor „Gedächtnisverlust“ aus, die sich mit dem Ekel zur Scham verbindet. „Die frühkindliche Zukunftsantipathie mit ihrer Tendenz zur weltabgeschiedenen Innerlichkeit und zentralen Motivation der Grenzziehung steht als gleichgewichtiger Modus der Vergangenheitsantipathie des zweiten Lebensjahrsiebts mit ihrer Tendenz zur Selbst entblössenden Öffnung (‚reines Staunen’) gegenüber. Die Kräfte des ‚Ekels’ und – später – der Angst vor Identitätsverlust (...) kulminieren im Scham erfüllten Daseinszweifel, in der zweifelvollen Scham, in der Zerrissenheit zwischen Einsamkeit und Sehnsucht.“

Zwischen zweifelvoller Einsamkeit und schamvoller Sehnsucht erlebt sich die Jugendseele in einer fundamentalen, alle Bereiche des Seins umgreifenden Polarisierung. Sie steht zunächst bewegungslos fragend in der neuen, schismatischen Realitätserfahrung und die Mitte, in der sie sich erlebt, ist eine Mitte der Unentschiedenheit. Der Jugendliche „entwickelt jene irritierende Neigung, vorübergehend nichts mehr qualitativ einzuordnen, so als halte er sich in einer Grauzone zwischen gut und böse, schön und hässlich, wahr und unwahr auf, wo alles gleich gültig bzw. gleichwertig sei.“ Er erlebt sich „gleichsam wie festgepfahlt im Jetzt, unfähig, die Geschichte des eigenen Werdens zu akzeptieren, mutlos im Gewahrwerden der zukünftigen Fremde.“

Wenn die Entwicklung gesund verläuft, „greift nun, vom Herzen ausstrahlend, immer deutlicher ein tröstend-ermutigender Impuls ein, der den Zweifel zur Selbsterkenntnisfähigkeit und die Scham zur moralischen, auf Ideale hinstrebenden Phantasie erhöht.“ Aus dem Zweifel erwächst das Selbsterkenntnisvermögen, das (selbst-)kritische Denken. Aus der Scham entsteht als überwindender Impuls das „veredelte“ Wollen, der Wunsch, aus idealen Motiven zu handeln, hinstrebend auf Werdeziele, in denen „konkrete Utopie“ anklingt. Scham wird zum (Selbst-)Ausdrucksvermögen. „Aus den existenziellen Erfahrungen der Einsamkeit im Zweifel und der Sehnsucht in der Scham erhebt sich die (selbst-)erkenntnisfähige, schöpferische Individualität.“ Der Jugendliche tritt in die individuelle Reifungsphase des Seelenleibes ein, die Zeit der „Weltwahrnehmung durch ausdrucksbezogene Selbsterfahrung“.

„Nach ‚unten’, zum physischen Leib hin gerichtet, setzen vermittelst des Bildekräfteleibes die organischen, hormonellen, Gestalt umwandelnden Prozesse der Geschlechts- und Fortpflanzungsreifung ein; nach ‚oben’ hin erwacht die Fähigkeit, für die heute der Begriff ‚Kreativität’ gebräuchlich ist. (...) Und im Überschneidungsort dieser beiden Aspekte erwacht, schwingend zwischen Eros und Idealismus, alles dasjenige, was mit moralischem Empfinden und sozialem Engagement, mit Gerechtigkeit, Zärtlichkeit und Mitgefühl zusammenhängt: die Liebefähigkeit als seelischer Ausdruck der Herzreife.“

Güte, Schönheit, Wahrheit?
Vom Urvertrauen in die Güte – Das kleine Kind geht von der Grundannahme aus: „Die Welt ist gut“: Bei Empfindungen körperlichen Missbehagens erfolgt eine Fürsorgehandlung, die das Missbehagen beseitigt, die Dinge und Wesen dieser Welt bergen keine Gefahren, der Mensch fügt dem Menschen nichts Böses zu, das Böse ist bloss ein Irrtum. - Diese Grundannahme wird enttäuscht. Es gibt das Böse. Durch unsere Pflege und Fürsorge bereiten wir das Kind auf diese erste Seelenprüfung vor. Wenn wir mit einem Gefühl der Dankbarkeit durchdrungen sind für den Auftrag, dieses Kind zu erziehen, dem es uns selbst erteilt hat, für den Entschluss, sich ganz und gar unserem Schutz und unserer Führung anzuvertrauen – kann das Kind diese Dankbarkeitsstimmung aufnehmen „und in sich ausgebreitet finden als ein tief befriedigendes Gefühl der Geborgenheit im eigenen Leib.“ Die Gewissheit entsteht: „Ich bin dennoch geborgen.“

Vom Urvertrauen in die Schönheit – Das Schulkind geht von der Grundannahme aus: „Die Welt ist schön“. „Schönheitserlebnisse hat der Mensch, wenn er sinnvollen Prozessen beiwohnt, sinnvolle Prozesse ins Werk setzt oder hinter den ‚fertigen’ Erscheinungen die Prozesse erahnt, die im jeweiligen Zustand zur Ruhe gekommen sind.“ Das Kind empfindet: Alles, was mit guter Absicht begonnen wird, endet auch gut, findet sein Ziel, gelingt, alles Missratene wird zurechtgerückt, alles Zerstörte wieder aufgebaut, alles Kranke geheilt und dem, der das erreichen will, fügt sich alles freudig – ein wunderbarer Optimismus, eine unterschiedslose, wohlwollende Zuversicht sich selbst, dem Mitmenschen, der ganzen Schöpfung gegenüber.

Dem steht die Erfahrung des Scheiterns gegenüber, „das Kind muss erkennen, dass sein Wunsch, alles mit der blossen Kraft seines guten Willens verschönern, heilen, vervollständigen zu können, nicht die Allmacht hat, die es ihm zuschrieb“. Das Gefühl schuldhafter Betroffenheit stellt sich ein, auch Vorgängen gegenüber, mit denen das Kind ursächlich gar nichts zu tun hat. Im Angesicht des Scheiterns und der begrenzten Macht des „Wünschens“ verbindet sich die Schönheitsvoraussetzung mit dem Entwicklungsgedanken zu der Erwartung, „dass der Mensch ein entwicklungsfähiges, nach Vervollkommnung strebendes Wesen ist und einer dem anderen dabei hilfreich zur Seite steht.“ Das Kind will erleben, „dass Lehrer und Eltern, ohne Aussicht auf äussere Vorteile, einfach Freude daran haben, dass sie dem Kind in seiner Entwicklung beistehen können“, ihre Erziehungsaufgabe lieben. Wenn sie dem Kind zeigen: Es gibt ja doch auch Schönes, Schützenswertes, Hilfsbereitschaft, Verzeihen, den liebevollen Umgang mit einander, und wenn sie ihm „die unerhört tröstliche Erfahrung zuteil“ werden lassen, „dass bei allem, was es auch beginnt in der Absicht, Schönes hervorzubringen, eine helfende Hand zur Stelle ist, die zu Ende führt, was im Ansatz stecken bleiben will und zum Versagenserlebnis zu werden droht“, dann kann es empfinden: „Es wird trotzdem alles schön werden.“

Vom Urvertrauen in die Wahrheit – „Der Jugendliche geht mit grosser Zuversicht davon aus, dass die Frage ‚Wer bin ich?’ beantwortbar ist, wenn er sich ihr nur vorbehaltlos stellt. (...) Er lebt in der Stimmung eines unmittelbar bevorstehenden, grossartigen Erkenntniseinschlags, der alles bisher Gültige ausser Kraft setzen wird.“ Die Grundannahme „Die Welt ist wahr“ äussert sich in der Empfindung: Alles, was ich wahrnehme ist wirklich da. „Der Jugendliche braucht, um Mut aufzubringen zum Entwurf seiner ‚optativen’ (erwünschten) Identität, den sicheren Rückhalt einer klaren, eindeutigen Realitäts- und Vergangenheitsgewissheit. (...) Wie wüst sich die jungen Leute auch manchmal gebärden mögen in ihrer Feindseligkeit gegen die heimatliche Welt der Vergangenheit, namentlich gegen die eigenen Eltern – wahr ist, dass sie sich davon losreissen müssen, um den Blick in die Zukunft frei zu bekommen. Aber es kann ihnen kaum etwas Beängstigerendes widerfahren, als zu erleben, dass diese Welt hinter ihnen zusammenstürzt, während sie ihren schmerzvollen Abschied nehmen.“

Den Willen zur „Heilung“ des Schulkindalters verbindet der Jugendliche mit der zur sozialen Frage erweiterten Sinnfrage: „Es ist möglich, die Verhältnisse so zu gestalten, dass alle Menschen in Frieden und geschwisterlicher Verbundenheit ein Sinn erfülltes Leben führen können.“ Und: „Jeder Mensch hat ein Interesse daran, den Mitmenschen gerecht zu beurteilen und zu achten, wenn er sich seinerseits gerecht beurteilt und geachtet fühlt.“

Von der dreifachen Enttäuschung der Jugendseele – Was das kleine Kind und das Schulkind noch nicht voll bewusst, eher gleichsam träumend-gefühlsmässig erfahren, erkennt der Jugendliche: Die Grundannahme des allumfassenden Waltens der Güte kann der Realität nicht standhalten, das Böse ist eine Möglichkeit des Menschen – eine Möglichkeit auch für ihn – und es gibt das Scheitern, die ausweglose Verstrickung, das unheilbare Zerwürfnis. Nun „will er sich gründen in den Gewissheiten einer unverrückbaren, untrüglichen äusseren Realität, einer Vergangenheit, aus der er seine Existenz herleiten kann und eines Leibes, der ihm die Wirklichkeit seines Willens, seiner Tatkraft und Vitalität verbürgt.“ Aber auch das gerät ins Wanken: „Die nervös-ziellose Stimmung des Zuwartens auf den grossen, Sinn enthüllenden Augenblick weicht der Einsicht, dass ein mühsamer Weg bevorsteht. Die Evidenz der Wahrnehmungs- und Erinnerungswelt wird zumindest fraglich (...) Es kann der quälende Eindruck entstehen, mit der eigenen Vergangenheit, dem eigenen Leib gar nichts zu tun zu haben und der materiellen Aussenwelt gegenüber zu stehen wie einer Traumwelt.“ Auch sein sozialer Optimismus gerät ins Wanken, er erkennt jetzt – „und erkennt es auch als eine Möglichkeit für sich selbst -, dass die tugendhaften Beweggründe, die er unterstellt hat, oftmals die letzten sind, von denen die Erwachsenen, die sich ihm als Vorbilder andienen, in ihren sozialen Verhalten leiten lassen.“ All das summiert sich zu einem veritablen Schockerlebnis.

Die Enttäuschung der Güteerwartung des Kleinkindalters kann zu Argwohn führen, „der sich vor allem gegen jede Art der zwischenmenschlichen Verbindung richtet, die verlangen würde, sich schwach, verletzlich und bedürftig zu zeigen.“ Hier entscheidet sich, ob sich im dritten Jahrsiebt der Mut zum Eros durchsetzen kann, zu der vertrauens- und liebevollen, von gegenseitiger Bewunderung getragenen Form von Beziehungspflege auf sexuellem Gebiet. Oder der Argwohn die Sexualität abspaltet und entfesselt „als eine nicht mehr von echten menschlichen Gefühlen durchwärmte Kraft“.

Die Enttäuschung der Schönheitserwartung des Schulkindes mündet in Narzissmus: Der Jugendliche bleibt mit seiner Sehnsucht nach Schönheit, Vollkommenheit und bewunderungswürdigen Erfahrungen ganz bei sich selbst. „Phantasien von Macht und Stärke, jedoch auch von Opfer und Leid nehmen überhand.“ Nun zeigt sich, ob der Schönheitssinn sich in soziale Gestaltungsimpulse ausgiessen kann, „als moralische Phantasie, soziales Engagement, Mitleidskraft und Gerechtigkeitssinn ‚aus den Trümmern aufersteht’“, oder egozentrisch-angstvoll eingeschlossen bleibt.

Als „goldene Grundregel der Erziehungskunst“ für das Jugendalter formulierte Rudolf Steiner: „Du sollst Ehrfurcht vor seinem Geist haben“: „Wir sollen uns, so Steiner, zu der lebendigen Überzeugung durchringen, dass wir das Kind nach der Pubertät ‚in Freiheit als Unseresgleichen neben (uns) haben’, einem ‚frei gewordenen Wesen’ begegnen, dem gegenüber es sich nicht darum handeln kann, dass wir in seine Seele ‚ dies oder jenes ... hineingiessen’, denn: ‚Diesen Geist kannst du nicht entwickeln, er entwickelt sich selber’ und man wird erzieherisch, wenn überhaupt, nur noch ‚von Intellekt zu Intellekt wirken können’.“ Was jetzt Not tut, ist eine „echte Gesprächskultur (...), wobei der Erwachsene die ‚Kommando-Ebene’ konsequent verlassen muss“.

Was fruchtet sind „direkte Appellationen an das Ich – oder (...) an die Impulse der Realitätsvergewisserung und Sinnsuche“. Der Jugendliche sucht Zuversicht in die Lösbarkeit von Problemen und die Freude an der denkerischen Suche selbst, die Erfahrung von Kompetenz und das Erleben, dass es Menschen gibt, „die sich verbindlich an selbst erworbenen Idealen orientieren“, dass es lohnende Wertsetzungen gibt, die nicht unfrei machen. Wir müssen uns fragen: „Hat der Jugendliche in mir einen Erkenntnissucher vor sich oder einen Prinzipienverkünder“, „kann er in mir einen Menschen sehen, der sich Freude an den Abenteuern der Phantasie (...) bewahrt hat oder bin ich zum selbstzufriedenen Gewohnheitstier geworden, von dem nichts Neues mehr zu erwarten ist“ und „bin ich sozial engagiert oder bedeutet für mich ‚sozial’ nur noch, dass ich mich brav in vorgegebene Regeln einfüge, um meinen Wohlstand, meine Sicherheit und meinen ‚Ruf’ nicht zu gefährden?“

Von Joseph Beuys stammt der Satz: „Die Einweihung findet im Hauptbahnhof statt“. Für Jugendliche heute stimmt er. Denn heute sucht jeder Jugendliche seinen ganz eigenen Weg, „er sucht keinen äusseren Tempel, sondern seinen inneren Tempel, keine Einweisung in die magischen oder kultischen Gebräuche eines Kollektivs, sondern Erkenntnisse über Sinn und Auftrag der eigenen Biografie, keinen äusseren Gott, sondern das Erlebnis der Gottverbundenheit im Ich.“ Das geht mit einer „explosionsartigen Steigerung der Individualkräfte und entsprechend schroffen Zurückweisung kollektiver Verbindlichkeiten einher“. Die Schwellenerlebnisse sucht der Jugendliche dabei „mitten im Getriebe des Alltags, in der Begegnung mit den Gefahren, die ‚gleich um die Ecke’ lauern.“

Jetzt entscheidet sich, ob die Ideenkräfte, Phantasiekräfte, die im Jugendlichen frei werden, „Anschluss finden an ‚konkrete Utopien’ in Bezug auf das eigene Werden und die Gestaltung der Umweltverhältnisse oder ob sie ziel- und richtungslos explodieren und der gewaltigen (legalen und illegalen) Illusionsmaschinerie anheimfallen, der Drogen-, Hollywood-, Geld-und-Macht-, Sex-and-Crime-Welt“, den Jugendlichen hineintreiben in illusionäre Scheinwelten und Scheinwerte.

Mit dem Schwellenübertritt zur Erdenreife, der so genannten Pubertät, keimt eine Erinnerung auf an das in der „Sphäre der Zielsetzungen“ vorgeburtlich Geschaute: an die geschauten Urbilder der Menschheitszukunft und an die Hemmnisse und Gefahren, die auf dem Weg zu bestehen sein werden. Immer mehr junge Menschen empfinden heute eine ihrem Idealismus entgegenwirkende Bedrückung, eine scheinbar grundlose Schwermut, die „Stimmung des ‚Scheiternmüssens schon im Aufbruch. Die Verführungskraft der Gegenbilder ist enorm. Viele können nicht widerstehen und wählen statt des Originals die Fälschung. „Wenn sie dieses Leid aber mit unserer Hilfe, unserem Verstehen und Verzeihenkönnen überstehen, werden es ihre Hoffnungskräfte sein, die Welt verändernd wirken können.“

Schattenreiche
„Wenn das Kind geschlechtsreif wird, ist es, als würde von der Landschaft der Seele, die natürlich auch vorher das Kind undeutlich-verschwommen umgab, ein Nebelschleier fortgezogen.“ Auch „die ’Herbstseite’ der Existenz, das Welkende, Absterbende, Zerfallende, von Todesahnung Umwehte, bricht in das Erlebnisfeld der Seele ein, anfangs nur bedrohlich, nur ängstigend.“ Doch „zum Ich-Rätsel gehört die eigenartige Fähigkeit, gerade im vorbehaltlosen Erleben der (objektiv) leidvollen Seiten des Daseins eine Art von Schönheit zu empfinden, die dem ‚In-sich-schon-Schönen’ niemals innewohnt.“ Zug um Zug wächst das Vertrauen in die Sinnhaftigkeit des Leidvollen. „So wandelt sich in der Tat bei vielen Jugendlichen das anfängliche Entsetzen vor den Schattenreichen, die sie durchwandern müssen, in eine (normalerweise vorübergehende) ausgesprochene Bedürftigkeit, sich in die Dimensionen des Tragischen einzufühlen.“ Die Umwandlung der Schwermut in Wehmut und dann der Wehmut in Sehnsucht, „was nichts anderes heisst, als dass sich die Wehmut ein Ziel setzt und der Verlockung des selbst gesetzten Zieles folgt, ist ein urkünstlerischer Vorgang.“ Und „die darauf erwachsende Freude, sich aus eigener Kraft der Schwere, die so plötzlich hereinbrach, entringen, ja das Beschwerende aufheben und damit ‚spielen’ zu können, hat eine ganz andere Qualität als das kindlich-reine Entzücken, das umstandslos am freudigen Ereignis aufsprüht.“ Durch die krisenhaften Erscheinungen der Pubertät erwirbt sich der Mensch die seelische Widerstandsfähigkeit für das ganze spätere Leben. „Wenn die Stimmung der Sinnlosigkeit, des unabwendbaren Scheiternmüssens im Jugendalter nicht zeitweise in ihrer ganzen Bitternis ‚durchschmeckt’ wird, kann der Erwachsene später das konkrete Erlebnis des Scheiterns an dieser oder jener Aufgabe, in dieser oder jener menschlichen Beziehung nicht ertragen.“

An die Eltern
Glauben Sie an Ihr Kind! „Der Jugendliche kann nur dann an sich selbst glauben und daraus den Glauben an die Menschheit entwickeln, wenn er erlebt, dass Sie, was immer er auch anstellen mag, nie sein eigentliches, ‚echtes’ Seelenwesen aus den Augen verlieren.“ Kritische Wertschätzung oder kritische Solidarität ist es, was er braucht. „Aktiv soll sich die Treue gestalten, offensiv, ideenreich (...). Zeigen Sie, dass es sich lohnt, mit Ihnen zu verkehren. (...) Und werden Sie niemals aufdringlich!“ Sie können bei Jugendlichen „auf ein jederzeit waches Interesse an lebendigen, selbstkritischen Erzählungen aus Ihrer eigenen Biografie rechnen – Erzählungen von Krisen, Erfolgen, Leiderfahrungen und Glückserlebnissen, Schicksalsschlägen und Bewährungsproben.“ – „Wesentlicher aber noch (...) ist die Bereitschaft und Fähigkeit, zuzuhören mit echtem, hellwachem Interesse (...) ohne unausgesprochene oder ausgesprochene Werturteile.“

„Lassen Sie sich in Ihrer Treue, Ihrem unverbrüchlichen Glauben an Ihr Kind nicht in eine passiv-leidende, märtyrerhafte Pose drängen.“ Mit der „Leidenspose“ ihrer Eltern können Jugendliche nur schwer umgehen, weil sie den Rückhalt durch ihre Eltern noch viel dringender brauchen, als sie zugeben können. „Der Gedanke, durch ihr Leiden, an dem sie, wie sie selbst finden, schwer genug tragen, nun auch noch anderen Leid zuzufügen“ wäre zu belastend. „Sie geben dem Jugendlichen eine echte ‚Rückendeckung’, wenn Sie ihm zeigen (und sich selbst klar machen), dass nicht nur für ihn, sondern auch für Sie eine neue Ära der Unabhängigkeit beginnt.“

„Denken Sie daran, liebe Eltern, dass Sie, wenn Sie sich von Schuldgefühlen verzehren lassen, die einstigen Fehler nicht aus der Welt schaffen, sondern multiplizieren.“ Und „vieles, was namentlich die Jugendlichen zu durchleiden haben an Verwirrungen, Entgleisungen und Kümmernissen, hat durchaus nichts mehr mit ihrer Vergangenheit im Sinne des einfachen Ursache-Wirkungs-Zusammenhanges zu tun, aber schon viel mit ihrer Zukunft.“

Gehorsam – „Die Jugendlichen haben zwar durchaus nicht das Gefühl, sie seien schon zu voll verantwortlichem Entscheiden und Handeln fähig (...), aber sie finden, dass ihnen das Recht zugestanden werden müsse, Fehler zu machen und selbst daraus zu lernen, selbst dafür gerade zu stehen.“ Selbstständigkeit heisst, stark genug zu sein, in eigener Verantwortung zu lernen. „An die Stelle von Vorschriften (oder Verboten) müssen im Umgang mit Jugendlichen Regeln treten, die gemeinsam zu erörtern und festzulegen sind.“ Das braucht Kompromissbereitschaft bei der Regelfindung und Toleranz bei Regelübertretungen. Die Neigung zum Gesetzesübertritt ist eine tiefe Sehnsucht nach Neubeginn. „Wenn die jungen Leute ihren entwicklungsnotwendigen Ungehorsams- bzw. Tabuverletzungsdrang nicht innerhalb ihrer gewohnten Lebensverhältnisse realisieren können, werden sie es umso häufiger ausserhalb dieser Verhältnisse tun.“

Warnzeichen – Zwei Fehler gilt es zu vermeiden: Die Augen vor Problemen zu verschliessen, die gefährliche Ausmasse annehmen und die Krise unverhältnismässig zu dramatisieren und zu pathologisieren. Wann wird es gefährlich? Z.B. bei „Generalverweigerung des Schulbesuchs mit offensichtlichen Anzeichen von Angst und daran gekoppelten ‚pünktlichen’ Körperbeschwerden“, anhaltenden Traurigkeitszuständen, Vereinsamung und Abbruch sämtlicher Sozialkontakte, wiederkehrenden Selbstmordäusserungen, die mit resignierter Ruhe vorgebracht werden, grund- und absichtslosem Stehlen (unter Wiederholungszwang), oder Stehlen, ohne dass der Jugendliche die moralische Kritikwürdigkeit seiner Taten einsehen kann („Gewissensblindheit“), bei sich ständig wiederholendem, sinnlosem Betrinken, wahllosen Sexualpartnerschaften ohne Gefühlsbeteiligung, zwanghaftem Hungern oder Fress-Brech-Anfällen, Drogenmissbrauch, der über das neugierige Experimentieren hinaus geht, zwanghaft-überangepasstem Verhalten oder Phobien und seelenbeherrschenden Panikzuständen.

Therapeutisch wirken Sie, „wenn Sie mit Umsicht, innerer Treue, Geduld, Verzeihensbereitschaft und Gesprächsoffenheit den Jugendlichen durch das gefahrenreiche Grenzgebiet zwischen Kindheitsgeborgenheit und eigenverantwortlicher Zukunftsgestaltung begleiten, ihm Mut zusprechen und für sich selbst (was das Kind betrifft) nichts anderes wollen, als dass es seinen Stern finden möge.“

Jörg Undeutsch, www.PubertätVerstehen.ch
 

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