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Jeanne Meijs:
Der schmale Weg zur inneren Freiheit
  (312 Seiten)

Auf Seite 160 fasst die Bildtherapeutin Jeanne Meijs, Mutter von drei Kindern und Grossmutter, die Kernaussage ihres Buches selbst zusammen: "Das Abenteuer des Überganges von der Kindheit zum Erwachsensein, das Pubertät heisst, führt über einen so schmalen Grat, dass er leicht vom Weg abkommen kann. Dennoch ist es besser, diesen schmalen Pfad einzuschlagen, als später mit einer kindlichen Seele in einem erwachsenen Körper leben zu müssen, denn dann wird es noch schwieriger sein, den Lebenspfad zu finden." - Pubertät als Entwicklungsnotwendigkeit. Vielleicht ist ein bisschen oft vom "höheren Ich" die Rede in diesem anthroposophisch orientierten Buch. Aber wie Meijs die Pubertät in eine Gedanken-, Gefühls- und Willenspubertät gliedert, lässt viele Phänomene besser verstehen. Und man spürt durchgängig ihre grosse therapeutische Erfahrung.

Auf Seite 188 formuliert sie als die eigentliche Pubertätsaufgabe: "Suche Individualität, wirf das, was fremd ist, über Bord, knüpfe eine Verbindung mit deinem inneren Ich an und kümmere dich um deinen eigenen roten Faden. Suche mit Hilfe deines Ich und deines roten Fadens den anderen Menschen und die Welt und stelle all deine Seelenkräfte dafür zur Verfügung."

Teil I - Zum Verständnis der Pubertät

Einleitung - Die Entwicklung des Kindes erfolgt in drei grossen Phasen: Aufbau - Ausbau - Umbau. In der dritten beginnt für das Kind der Kampf um ein selbstständiges Dasein. Es versucht, seine Seeleninhalte vor äusseren Eingriffen zu schützen und sich all dessen zu entledigen, was nicht zu seiner im Werden begriffenen Individualität gehört. Es lernt, abstrakt zu denken, selbst Entscheidungen zu treffen und eine individuelle Lebensrichtung zu finden. Wenn sich die Pubertät ankündigt, fühlen sich die Kinder "mit Inhalten vollgestopft", aber nicht als sich selbst. Der Jugendliche spürt seine Unfreiheit, weil seine Seele aus der Vergangenheit mit Einflüssen Aussenstehender angefüllt ist. Nun beginnt eine innere Putzwut: Alles, was er im Laufe der Kindheit aufgenommen hat, wird über den Haufen geworfen, Dinge und Menschen werden auf die Probe gestellt. Mitten im Chaos bilden sich allmählich neue Muster, wieder zu Ehren gekommene alte Inhalte und viele neue Einsichten und Gewohnheiten verwurzeln sich fest in der Seele. Der junge Mensch baut sich eine individuelle Seelenstruktur auf. Mit dem Ende der Pubertät hat das Seelenleben seinen Raum gefunden, eine Form gebildet: den Seelenleib, in dem sich das Seelenleben mit seinen Eindrücken, Gefühlen, Begierden, Trieben, Sympathien, Antipathien und Denkmustern abspielt. Dieser Seelenleib besteht aus festen Reaktionsmustern und der Unvermeidbarkeit von eingefahrenen Gewohnheiten. Die Seelengestalt bleibt zeitlebens erhalten, selbst wenn es uns gelingt, im Erwachsenenleben die Seeleninhalte noch zu verändern.

Pubertätsarten - Wir können drei Typen des Pubertierens unterscheiden: Die Gedanken-, die Gefühls- und die Willenspubertät. Sie folgen auf einander und sind bei unterschiedlichen Jugendlichen unterschiedlich stark ausgeprägt. (-> Julian Sleigh hat sie in seinem Buch nicht so genannt, aber eindrücklich beschrieben.)

Wenn die Gedankenpubertät dominiert haben wir es mit Jugendlichen (in der Regel zwischen dreizehn und fünfzehn) zu tun, die denken, reden und grübeln, den Kopf voller Zweifel haben und alles in Frage stellen. Sie erforschen die Vielfalt an Ideen und Meinungen und probieren im Laufe der Jahre auch eine Anzahl dieser Ideen aus. Die Jugendlichen wirken oft schroff, unvernünftig und unaufrichtig in ihren Äusserungen, zugleich aber sehr verletzlich und unsicher. Grunddevise für Eltern: Für das eigene Gedankengut gerade stehen, aber die Ideen und Einfälle des Jugendlichen mit nicht nachlassendem Interesse anhören. Nicht widersprechen - zuhören! Am gesündesten ist es, wenn der Gedankenpubertiernde "immer wieder seine Ansichten wechselt, jede Manie oder Mode zwar intensiv, aber zeitlich begrenzt durchmacht."

Wenn die Gefühlspubertät dominiert wird der Jugendliche ganz und gar von seinen Gefühlen überschwemmt, bleibt in Stimmungen stecken. Wenn die Antipathiekräfte überwiegen, wird er missmutig und mürrisch, wenn die Sympathiekräfte überwiegen, äussert sich das in Schwärmereien, platonischen Verliebtheiten, süssen Träumen, im Dahinschmelzen für einen Song, einen hübschen Jungen, ein tolles T-Shirt. Dahinter steht der Kampf, in gefühlsmässiger Hinsicht ein "Selbst" zu werden. Die seelischen Eskapaden mit ihren schmerzhaften Erfahrungen lassen dem jungen Menschen die eigene Seele und deren Inhalt bewusst werden. Zu der Gefühlspubertät gehören Einsamkeit, Enttäuschung, Illusion und Desillusion. Wenn der seelische Schmerz zu gross wird, zerreisst der zarte Faden, der die Menschen mit dem eigenen Wesen verbindet, die Einsamkeit schlägt in verzweifelte Angst vor der Abgeschiedenheit des Erwachsenwerdens um (mögliche Folgen: Drogenkonsum als Ablenkung, Magersucht als Ablehnen des Erwachsenseins). Entladen sich die Gefühle nicht nach aussen, kann das Kind innerlich verzehrt werden, Depressionen oder gar Selbstmord die Folgen sein. Oder es flieht, läuft von zu Hause fort, gibt unüberlegt die Schule auf. - Man muss sich immer vor Augen halten, dass die Kinder die in ihnen rumorenden Emotionen als Realitäten erfahren. Die Kunst besteht darin, in diesem heftigen inneren Wellenspiel nicht zu ertrinken. Wärme und Herzlichkeit, die Suche nach dem Ureigensten, Individuell-Charakteristischen in allem, was das Kind tut und sagt sowie Humor seitens der begleitenden Erwachsenen helfen den Jugendlichen dabei.

Wenn die Willenspubertät dominiert versucht der Jugendliche, seine Eigenheit nicht über das Bewusstsein, sondern die unmittelbare Erfahrung zu entdecken. Jeder Jugendliche sucht dabei sein eigenes Terrain zum Erforschen: Er trägt verschlissene und fleckige Kleider, raucht Zigaretten, trinkt Alkohol, er stürzt sich in die Sexualität, konsumiert Soft-Drugs, geht auf Partys, in Diskos, je später es abends wird, desto interessanter. Oder er probiert es mit Glücksspiel, schliesst sich einer Schlägerbande an. Hinter all diesen Aktionen und Streichen steckt seine seelische Unruhe und der ihm innewohnende Drang zur Freiheit. - Eltern sollten Jugendlichen in der Willenspubertät nur stückchenweise Handlungsfreiheit geben, es so einzurichten versuchen, dass der Jugendliche nicht alles auf einmal ausprobiert. "Geben Sie ihm einen Ausblick auf die Freiheiten, die er in Zukunft haben wird, statt immer nur zu betonen, was er noch nicht darf." Wirklich erreichen wird man ihn aber erst, wenn alles schief gegangen ist. Betrachten Sie mit ihm das Geschehene in Ruhe, fragen Sie ihn, was er aus seinen Erfahrungen gelernt hat und hätte anders machen sollen. Vor allem: Vertrauen Sie fest darauf, dass der Jugendliche diese Phase gut überstehen wird. „Das Vertrauen der Eltern ist wie ein Seil, an dem er sich beim Erklettern einer steilen Bergwand festhalten kann." Wir müssen immer wieder bereit sein, die Scherben aufzulesen und dem Jugendlichen neue Chancen zu bieten. Und: "Bleiben Sie selbst auch aktiv." Was Sie tun, ist für den Jugendlichen aufschlussreich, nicht was Sie sagen.

Jugendliche, bei denen die Willenspubertät dominiert, können auch ganz passiv sein, gar nichts tun, sich zu Tode langweilen. Oft sind das verwöhnte Kinder. Sie haben nie um etwas kämpfen müssen, nicht um ihren Freund, nicht darum, lesen zu lernen, nicht darum, später ins Bett gehen zu dürfen. Ihre Willenskraft ist erlahmt. Wählen sie jetzt das provokative Nichtstun, fängt ihre Umgebung an, um sie zu kämpfen; wenn sie Glück haben, werden die Erwachsenen zur fordernden und Konfrontation suchenden Partei. Im Grunde suchen die Jugendlichen nach einer Person oder Sache, die das heilige Feuer, das kleine innere Flämmchen ihres Ichs entzündet und anfacht.

Die pubertäre Krise fängt mit der Gedankenpubertät an, geht in die Gefühlspubertät über und schliesst mit der Willenspubertät ab. Jede Epoche dauert mindestens zwei Jahre. Wenn die letzte Phase beginnt, sind die Jugendlichen siebzehn, achtzehn Jahre alt. Kurz zuvor herrscht Windstille, es ist, als ob innerlich der Motor nicht anspringen will. Vor allem wenn die Gefühlspubertät intensiv war, schockiert das die Jugendlichen. Es ist ein Zustand der Orientierungslosigkeit. Die starken Gefühlimpulse sind versiegt, die Willensimpulse, die von einer ganz anderen Seite her kommen, spüren sie noch nicht. Die Gefahr ist gross, dass Jugendliche ihren roten Faden verlieren. - Jetzt ist es wichtig, dass der Zug weiter fährt, der Jugendliche soll mit dem fortfahren, mit dem er gerade beschäftigt ist. Für die Eltern heisst das: Nicht zu nachgiebig sein! Mit etwa 18 Jahren bricht dann eine neue Epoche voller Tatendrang an, Altes wird abgerundet und neue Entschlüsse werden gefasst. Die innere Flamme wird entzündet, wenn der Jugendliche in seinem wahren Wesen von etwas Zukünftigem getroffen wird.

Auswüchse im Denken, Fühlen und Wollen - "Handlungen, bei denen nur die Grenzen der gesellschaftlichen Absprachen überschritten werden, sind noch keine Abartigkeiten". Gefährlich wird es erst, wenn
1 das Verhalten der Jugendlichen nicht im Verhältnis steht zu den schlimmen Folgen, die es nach sich zieht (grundlose, sinnlose Verbrechen, Randalieren im Rauschzustand)
2 seine Gedanken in keinerlei Zusammenhang mit der Realität stehen (Wahnvorstellungen, Magersucht, masslose Selbstüberschätzung)
seine Gefühle entstehen, ohne das es dazu einen inneren oder äusseren
3 Anlass gibt ("gespielte" Emotionen, in die er sich hineinsteigert, ohne wirklich damit verbunden zu sein oder genussvolles "Baden in Gefühlen").
Kommt es zu derartigen Ausuferungen, müssen die Eltern einschreiten, sich dabei aber von ihrer Ich-Kraft und nicht von ihrem aufgestauten Ärger führen lassen. "Nur wenn sie mit Entschlossenheit und innerer Gelassenheit auftreten, werden sie Aussicht auf Erfolg haben." Sie müssen fest zu ihren Forderungen stehen, dürfen es aber nicht zu einem Machtkampf kommen lassen.

Lügen und Stehlen - Lügen ist einem Schwächezustand zuzuschreiben, die Therapie besteht darin, das Kind in seinem Selbstvertrauen zu stärken. Dem Lügen sollte man nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken, aber deutlich machen, dass man eine Lüge als solche erkannt hat. "Ein Kind, das zur Lüge neigt, braucht mehr Gelegenheiten und Unterstützung für Äusserungen seiner Eigenheit." Hinter Diebstählen steht oft die Angst, von einer bestimmten Gruppe ausgeschlossen zu werden. Auch ein Diebstahl wird aufgrund innerer Schwäche oder Armut verübt. Er hinterlässt beim Täter und beim Opfer ein Gefühl der Leere und Einsamkeit - vergrössert die innere Armut also noch; ein Teufelskreis. Begegnung ist das Gegengewicht zum Diebstahl. "Auch wenn das Kind ein schwieriger Mensch ist und bleiben wird - für sich selbst und für seine Mitmenschen -, wird es später vielleicht doch ein sinnvolleres Leben als der brave Sohn der Nachbarin führen." Vertrauen Sie in den inneren Auftrag, den jedes Kind vor seiner Geburt übernommen hat und lassen sie das Kind niemals im Stich.

Der menschliche Leib und seine Beziehung zur Seele - "Die Pubertät umfasst eine zweifache Aufgabe. Zum einen muss sich die Seele dem höheren Ich öffnen, so dass dieses den Lebenslauf zu steuern vermag. Zum anderen muss sich die Seele zur Welt hin öffnen, so dass es zum echten Erleben der Erde und des Mitmenschen kommen kann und diese durchlebten Eindrücke wiederum dem höheren Ich zugeführt werden können." Zur Bildung der inneren Sinne ist Akzeptanz und Bejahung der eigenen Körperlichkeit eine unabdingbare Voraussetzung. In der Bewegung spürt der Mensch erst, wozu das wunderbare Instrument seines Körpers da ist. Die Seele kann sich eigentlich erst dann richtig mit dem Körper verbinden, wenn dieser sich bewegt. Jugendliche sind in Bewegung zu halten und zwar ganz konkret - und bis an die Grenzen zu fordern. (Gelingt dieser Brückenschlag nicht, kann Magersucht entstehen: Die Jugendlichen meinen, ihren Körper nicht zu brauchen, weil er ihrem Anspruch ohnehin nicht gerecht wird. Oder sie wollen nicht erwachsen werden.)

Die Seelenkraft und der Sucher in uns - "Der Jugendliche ist vollauf damit beschäftigt, seine Seelenhaut zu schliessen, und sieht sich dabei vor die Aufgabe gestellt, die Einflüsse seiner Eltern zu überwinden, auf die Probe zu stellen, sie gegebenenfalls beiseite zu schaffen, um sie dann später vielleicht auch wieder hereinzuholen." Die Eltern können ihm jetzt keine Seelenkräfte mehr vermitteln, sie sollten im Gegenteil ihre schenkende Seele allmählich zurückziehen, innerlich dem Kind aber weiterhin die Treue halten. - Die hohen Ansprüche, die in der Schule gestellt werden, können einen regelrechten Angriff auf die Seelenkräfte mancher Schüler bedeuten, die Seele "auslaugen". Was zählt ist, den Jugendlichen genug Raum zu geben, um ihre Seelenkraft bei der Erfüllung ihres ureigensten Pubertätsauftrages auszuleben.

Teil II - Der Jugendliche

Die Lebensverhältnisse des Jugendlichen - In unserer Zeit haben die Mädchen die Aufgabe, ihre inneren Qualitäten auch in der Aussenwelt zu beweisen und die Jungen sind dazu aufgerufen, ihre äusseren Qualitäten auch zu verinnerlichen. Manche Mädchen fühlen sich damit überfordert und versuchen, dem nahenden Erwachsensein zu entfliehen; Krankheiten, Drogenkonsum oder Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht können ein Zeichen dafür sein. Jungen werden in unserer Gesellschaft im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Rolle weitgehend ihrem Schicksal überlassen; spezifisch männliche Tätigkeiten gibt es nur noch wenige. Wie können sich Jungen eine männliche Identität aufbauen, wie sich noch beweisen? Diese Unsicherheit ist eine Ursache für das Macho-Gehabe mancher Jungen.

Ausgehen - Wenn der Jugendliche ausgeht, will er buchstäblich aus etwas herausgehen, er verlässt den sicheren Hafen seiner Jugend und gehört für kurze Zeit der erwachsenen Welt an. Dieses Bedürfnis nach Freiheit gilt es zu begreifen - und die Risiken (im Verhältnis) sind nicht grösser als früher.

Sexualität - "Sexualität ist eine Art Dornröschen. Wenn sie wach geküsst wird, möchte sie sich mit dem Prinzen vermählen, alles um sich herum wachrütteln und vor allem nicht wieder einschlafen!" Von einem Tag auf den anderen wird der junge Mensch mit Verantwortlichkeiten, Begierden, extremem Genuss und Schmerz konfrontiert und muss von nun an damit leben können. "Waren die ersten Küsse und Zärtlichkeiten eine grosse, aber noch nicht bindende Erfahrung, so bedeutet für den Jugendlichen das Schlafen mit der oder dem Geliebten den Abschied von seiner Jugend." - Gesunde Sexualität lebt in der Wechselwirkung von Verbinden und Loslassen. Ist der Seelenleib noch nicht ausgeformt, noch nicht von einer gesunden Seelenhaut umhüllt, kann die Sexualität eine Gefahr bedeuten. Die Seele verbindet sich womöglich so stark mit dem Körper, dass sie sich damit identifiziert und ihre Freiheit verliert.

Im Sexualakt vermischen sich die Lebenskräfte der Liebenden. Die Körper vereinigen sich und die Seelen werden dort mit hineingezogen. Ist die Seele noch nicht ausreichend individualisiert, kann sie sich möglicherweise nicht mehr befreien, bleibt dem anderen Menschen verfallen und verliert dadurch ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Wird das Paar getrennt, fühlen sich die Jugendlichen unvollständig, was sich zur Verzweiflung steigern kann, weil man einen Teil seines Selbst verloren hat. Das sind echte Todeserfahrungen, die sich bis zur Bedrohung des inneren oder sogar äusseren Lebens steigern können. "Mancher Jugendliche weiss sich nicht anders zu helfen, als dadurch, dass er sich betäubt, Ersatz sucht oder sich innerlich abschottet." - "Am gesündesten ist es, wenn Sexualität für die Jugendlichen wie eine Frucht ist, nach der sie sich sehnen und von der sie ein wenig kosten, von der sie aber am besten noch nicht essen, so lange ihr Seelenleib keine festen Konturen bekommen hat."

Schule und Beruf - "Nur selten bereut ein Mensch die Entscheidungen, die er selbst getroffen hat, sogar dann nicht, wenn er später dazu gezwungen ist, seinen Kurs zu ändern. Häufiger aber bereut man im späteren Leben die vernünftigen Entschlüsse, die andere einem eingeredet haben, auch wenn diese einem Erfolg gebracht haben."

Langeweile - Langeweile entsteht, wenn die verschiedenartigen Impulse, die auf unsere Seele einwirken, sie nicht erreichen, den seelischen Panzer nicht durchdringen können, weil wir uns abgeschottet haben, unserem tiefsten Wesen und/oder der Aussenwelt gegenüber. Oder sie entsteht, obwohl sie die Seele erreichen, die Seele reagiert, in Wallung gerät - aber die Umgebung verhindert, diesen Tatendrang auszuleben. Wer in seinem Element ist, langweilt sich nicht. Langweilen sich viele Jugendliche, weil sie nicht in ihrem Element sind? (Vergleiche hierzu --> Guggenbühl, "Permanente Infantilisierung".) Je nach Quelle der Langeweile (Denken - Fühlen - Wollen) müssen wir die jungen Menschen (ausschliesslich) das lernen lassen, worüber sie Fragen entwickelt haben und ihre Augen zu öffnen versuchen für die vielen Rätsel um sie herum. Oder uns auf die Suche machen nach etwas, mit dem sie wenigstens ein minimales Mitgefühl entwickeln können. Oder sie zu vielfältigen Bewegungen anregen. Langeweile geht aber ganz natürlich jeder neuen Lebensepoche voran. Erst wenn beim Jugendlichen das Bedürfnis nach neuen Impulsen erwacht, kann man ihm helfen.

Umgang mit Geld und Arbeit - Hinter jedem Franken steht die geschenkte Arbeit von Mensch und Tier. Wer Geld bekommt, nimmt damit eine schwer wiegende Verpflichtung auf sich: sich darum zu kümmern, dass die Kräfte, die ihm zugrunde liegen, wieder befreit werden, indem sie für ein sinnvolles Ziel eingesetzt werden. Geschieht das nicht, belastet es denjenigen, der das Geld falsch anwandte. Dann entfaltet es eine Art Sogwirkung, indem es die potenzielle Arbeitskraft dieses Menschen an sich zieht. Dadurch verliert er allmählich seine Arbeitsenergie. Der fortwährende Verbrauch von Geld, dem kein Schenken von innerer Kraft gegenübersteht, löscht die Eigenaktivität aus. Wer andererseits seine eigene Arbeit wegschenkt, wirkt insgeheim an der Zunahme seiner Arbeitskräfte. Gibt man einem Jugendlichen viel Taschengeld, ohne dass er dafür etwas zu leisten braucht, macht man ihn abhängig. - Der junge Mensch steckt voller Wut und Frust über all den Reichtum, der ohne sein Zutun zustande gekommen ist, denn er spürt unbewusst, dass der Reichtum wie ein Schwamm Kräfte aufsaugt. Dieser Kräfteraub frustriert ihn und er lässt seine Wut an diesem Luxus und Reichtum aus (schadet sich dadurch seelisch allerdings noch mehr). - Wer Jugendlichen aus finanziellen Schwierigkeiten hilft, muss darauf achten, dass sie etwas dafür tun.

Teil III - Die Eltern

"Was immer man auch im Leben empfängt, sollte man als etwas Geliehenes und Befristetes betrachten. Das erspart unnötigen Kummer." - Der Jugendliche, der darum ringt, die Verbindung zu seinem eigenen Ich zu entdecken, versucht gleichzeitig auch, dem Ich der Erwachsenen auf die Spur zu kommen: Wer seid ihr eigentlich? Er hat das unglaubliche Bedürfnis nach Vertrauen, nach Eltern, die trotz aller Schwierigkeiten fest daran glauben, dass sich alles zum Guten wenden wird, er seinen Weg finden und es schaffen wird, seine Zukunftspläne zu verwirklichen. Seine Zukunftspläne wohlbemerkt, nicht ihre Zukunftspläne. "Der Liebe seiner Eltern begegnet der Heranwachsende in Form von Geduld, Akzeptanz, Vergebung, Toleranz, Interesse, Vertrauen und in aufbauender Kritik, aber auch in Konfrontation, Streit, Unmittelbarkeit und Wut!" Und in der Bereitschaft, den Schmerz, den er einem während der Pubertät zufügt, so viel wie möglich für sich zu behalten, also ihn nicht damit zu belasten.

Das tief gehende Bedürfnis nach einem Vater in der Pubertät - "Ein Kind, das die Einflüsse des Elternhauses abwerfen will, vollzieht diesen Prozess häufig in zwei Schritten. Im Vater sieht es eine Brücke zwischen dem Zuhause und der Aussenwelt. Während der Pubertät kann man sich, ohne sich zu blamieren, erlauben, den Vater länger ernst zu nehmen als die Mutter." Ein Vater gibt dem jungen Erwachsenen Halt, ist gewissermassen schon so etwas wie ein grosser Freund, er macht früher den Schritt vom elterlichen Betreuer zum elterlichen Begleiter, darf von seiner inneren Einstellung her das Kind ruhig erwachsener behandeln als es ist - freilich nur ein wenig. Wenn das Ich den Zugang zur Seele eines Menschen sucht, um sie anzuregen, seine Lebensaufgabe zu ergreifen, geschieht dies über den männlichen Pol der Seele. Das Kind beginnt, nach der Wahrheit, dem Richtigen und Sicheren Ausschau zu halten, sowie nach dem nötigen Mut, um sich in der Aussenwelt zu behaupten. Erst wenn diese Seelenqualitäten zur Wirksamkeit gekommen sind, kann das Ich sich mit dem weiblichen Pol verbinden. Der Jugendliche braucht den Vater, der (oder die Mutter, die) die männlich strebende und kräftig irdische Seite seinem (ihrem) eigenen inneren Meister dienend zur Verfügung stellt. Dann kann das Wunder der "zweiten Zeugung" stattfinden: Das Ich des Erwachsenen erweckt das Ich in der jungen Seele.

Abschluss der Pubertät - Wenn ein Kind in die Pubertät kommt, fängt es an, seine Seele von den es umgebenden Seelenkräften zu lösen. Wie mit einem scharfen Messer werden die Seelenfäden zwischen Eltern/Erziehern und Kind durchschnitten. Die Endphase der Pubertät erkennt man daran, dass die Auseinandersetzungen seltener werden. Berufe, Beziehungen und vieles mehr werden unter die Lupe genommen, massgebliche Entscheidungen getroffen und meist auch ziemlich umgehend ausgeführt. Auf einmal weiss der junge Mensch, was er will. Das endgültige Loslassen hat begonnen

Jörg Undeutsch, www.PubertätVerstehen.ch
 

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