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Allan Guggenbühl:
Pubertät - echt ätzend
  (224 Seiten)

Allan Guggenbühl, Kinder- und Jugendpsychotherapeut in Bern und Zürich, Vater von drei Kindern, leitet die Erziehungsberatung des Kantons Bern. Sein Buch ist eine wahre Fundgrube für Verständnishilfen - und ein Aufruf, als Eltern standhaft aber gelassen zu bleiben in den Wirren der Pubertät. Der Stil ist mitunter etwas mühsam, nach dem Motto: Psychologe erklärt Laien in möglichst einfachen Worten und etlichen Widerholungen, was (psychologisch) Sache ist. Vor allem die Kapitel über die Rolle des Konsums aber und darüber, weshalb sich Jugendliche von ihren Eltern und Lehrern distanzieren müssen, sowie die Darstellung der archetypischen Formen pubertären Verhaltens enthalten zum Teil überraschende Erkenntnisse. Auf Seite 149 findet sich eine Definition der Pubertät, die Weg leitend ist:

Pubertät sei eine "Phase, in der ganz bestimmte Entwicklungsaufgaben gemeistert werden sollen: einen Freundeskreis aufbauen, den eigenen Körper akzeptieren lernen, auf die Rollenerwartungen der Gesellschaft reagieren, Beziehungen zu einem Partner aufnehmen, mit der Sexualität umgehen können, berufliche Pläne schmieden, ein Selbstkonzept und eine eigene Weltanschauung entwickeln."

Wenige Seiten weiter beschreibt Guggenbühl die Pubertät als eine Hadesfahrt für die Jugendlichen in die (Unter-)Welt des eigenen Unbewussten: "Ihre Seele meldet sich als kraftvolle, berauschende und beängstigende innere Wirklichkeit." Den entsprechenden Abschnitt des Buches finden Sie weiter unten unter "Der innere Ruf" zusammengefasst.

Beginnen wir mit dem Nachwort: Erwachsene und Jugendliche sind Teil eines archetypischen Dramas, in dem die Rollen schon vorher verteilt wurden und das einem vorgegebenen Muster folgt.

Zeitdruck, Stress und kein Dank: Erziehung zwischen Verzweiflung und Herausforderung
Viele Jugendliche wollen ihre Autonomie nicht in dem von uns vordefinierten Rahmen erproben, sondern sehnen sich nach einem Erfahrungsfeld ausserhalb der festgelegten Normen. Sie streben Selbstständigkeit im Widerstand an, wollen die Erwachsenen provozieren, damit sie in der Abgrenzung Selbstständigkeit erleben können. Jugendliche während der Pubertät wollen nicht auf ihre Eltern hören. Sie haben ihren eigenen Weg im Kopf, wollen eigene Erfahrungen machen und ihre Gleichaltrigengruppe wird zur zentralen Autorität. Sie wollen sich ganz dem eigenen Erleben hingeben, sehnen sich nach einer eigenen Geschichte und wollen von der Gesellschaft registriert werden.

Jugendliche sind Gesprächen gegenüber oft skeptisch eingestellt. Sie fühlen sich rasch verunsichert, weil sie der Beredsamkeit der Erwachsenen nichts entgegen setzen können. Viele Jugendliche sind aber zugänglich, wenn wir versuchen, ihre Anliegen nachzuvollziehen, ihr Verhalten zu verstehen und uns in Auseinandersetzungen mit ihnen einzulassen. "Während der Pubertät wollen Jugendliche nicht verstanden werden, gleichzeitig möchten sie jedoch mit den Erwachsenen sowohl affektiv wie auch geistig in Verbindung bleiben."

Jugendliche in der Pubertät werden innerlich zwischen Elternhaus, Clique, Szene und Schule hin- und her gerissen. Wir sind nicht mehr Vorbilder, sondern Gegenspieler, eine Rolle, die wir auch einnehmen müssen. Pubertierende Jugendliche wollen von Zeit zu Zeit ein Nein hören, weil sie Gegenkräfte zu ihrer Faszination für die Welt dort draussen brauchen. Sie sind noch nicht selbstsicher genug, um eigene Abwehrkräfte zu mobilisieren. Das delegieren sie an ihre Eltern. "Sie provozieren das elterliche Nein, damit sie aufbegehren, sich wehren und sich als Gegensatz zu ihren Eltern erleben. Indirekt drücken sie so ihre Anhänglichkeit und emotionale Verbindung zum Elternhaus aus. Sie spüren, dass sie den Eltern wichtig sind." Ziehen sich Eltern zurück, verläuft der Kampf der Jugendlichen mit sich selber im Leeren, wird ihnen die Möglichkeit verwehrt, das eigene Verhalten in den Reaktionen der Eltern zu spiegeln. Jugendliche wollen wissen, wo sie stehen und wer sie sind. Rückmeldungen sind ihnen wichtig.

Die Teilhabe an den Tempeln der Zivilisation
Auf der Reise zu sich selbst brechen Jugendliche aus dem familiären und schulischen Raum aus und dringen in Aussenzonen vor, die mit ihrem Lebensgefühl korrespondieren und einen Eintritt in das ermöglichen, was sie als Sozietät empfinden. Vielfach finden in diesen Zonen Spektakel statt, die einem das Gefühl vermitteln, "dabei" zu sein. Sie wirken dynamisch, chaotisch, wild oder grell. Sie sind von magischer Anziehungskraft, weil die Jugendlichen sich dort selbstständig inszenieren können.

In unserer Gesellschaft sind Konsumobjekte und Medienprodukte der Beweis, dass man an einer übergeordneten Dynamik partizipiert, sie sind Energie besetzte Objekte, über die sich auch seelische Inhalte ausdrücken. "Jugendliche werden bei uns weniger durch die Arbeit in die Gesellschaft initiiert als durch den Aufstieg zum eigenständigen Konsumenten." Sich in der Angebotspalette der Konsumgesellschaft zu orientieren, ist für sie ein Weg, das innere Chaos zu ordnen und eigenen Emotionen nachzugehen. Die Konsumwelt ist für viele Jugendliche ein mentales Experimentierfeld. Über die Auseinandersetzung mit ihr nehmen sie eigene Bedürfnisse und Komplexe wahr. Die meisten Käufe sind ein Verzauberungsakt. Die Produkte, die wir uns aneignen, setzen wir in Zusammenhang mit Vorstellungen über uns selber, unsere Zukunft und unsere Umgebung. Wichtig ist, das richtige Objekt zu finden, über das man sich definieren und die eigene Identität darstellen kann. Konsum wurde zu einem Weg, sich einzugliedern und einen Erwachsenenstatus zu erlangen.

Geld verleiht die Illusion, Herr unseres Schicksals zu sein. Phantasien und Bedürfnisse können ausgelebt werden. Wenn wir Jugendliche ernst nehmen, dann müssen wir ihnen die Chance geben, sich an den Imaginationen um den Konsum zu beteiligen, sich eigene Kompetenzen anzueignen und persönliche Fähigkeiten zu entwickeln. Das heisst: ihnen Gelegenheit geben, durch Arbeit eigenes Geld zu verdienen. Dabei muss es sich um effektive, sozial relevante Tätigkeiten handeln.

Permanente Infantilisierung
"Zu Beginn der Adoleszenz sind beim jungen Menschen fast alle Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften entwickelt, die ihn als Erwachsenen auszeichnen. Ein 15-Jähriger macht sich Gedanken über den Sinn des Lebens, entwickelt Lebenspläne, hat erotische Phantasien und richtet sein Verhalten nach Zielen und Ideen. Das Temperament, die Willensstärke, besondere Fähigkeiten und die Grundeinstellung dem Leben gegenüber verändern sich nicht mehr grundlegend." Er wäre bereit, sich den Verantwortungen, Pflichten und Herausforderungen des ausserfamiliären und ausserschulischen Lebens zu stellen. Aber er muss jahrelang warten, bis er in die Gesellschaft integriert wird. So entsteht eine Diskrepanz zwischen dem, wozu ein junger Mensch fähig wäre und dem, was die Gesellschaft von ihm will. Jugendliche werden infantilisiert, da sie von existenziellen Herausforderungen und Verantwortungen fern gehalten werden. Die demonstrative Passivität, der coole Auftritt, das Schwatzhafte, die Introvertiertheit und Disziplinlosigkeit ist eine natürliche Reaktion darauf. "Rasereien mit Autos, Drogen- und Alkoholkonsum oder Gewalt sind hilflose Versuche, aus dem Schonraum auszubrechen und das wirkliche Leben zu spüren."

Vom Traum zur Wirklichkeit
"Die Eltern-Kind-Beziehung enthält von Anfang an eine unpersönliche Komponente und ist mit dem Risiko verbunden, dass man sich nicht versteht." Kinder werden nicht automatisch zu späteren Freunden, sondern ob man sich versteht, miteinander reden und sich auch gerne haben wird, bleibt offen. In die Beziehung zu unseren Kindern mischen sich immer auch Reminiszenzen unserer eigenen Kindheit hinein, unsere Kinder bieten sich uns als Projektionsflächen an. Die inneren Bilder, die wir uns von unseren Kindern machen, spiegeln auch unsere eigene Persönlichkeit, Wünsche und unsere subjektive, gefärbte Wahrnehmung unserer Kinder wider. Orientieren wir uns ausschliesslich an diesen Bildern, müssen wir enttäuscht werden. Spätestens während der Pubertät werden wir uns brutal des Trennenden zu den eigenen Kindern gewahr. Und die Kinder versuchen auch durch die Auseinandersetzung mit den Eltern diese Bilder zu zerstören - um sich in ihrer Individualität zu präsentieren.

Während der Pubertät werden die Eltern von den Jugendlichen entpersönlicht. "Jugendliche suchen im Vater und der Mutter nicht nur ein Beziehungsobjekt, sondern den unpersönlichen, erwachsenen Gegenspieler, der allgemeine Regeln und Ideen darstellt." Die Auseinandersetzungen mit ihren Eltern gelten darum nicht der Person, sondern dem Archetyp, welcher der Vater oder die Mutter auch sind. Der konkrete Vater oder die konkrete Mutter werden als Metapher gebraucht, um die Beziehung zum Mütterlichen oder zum Väterlichen an sich zu verarbeiten. Der Vater ist auch eine Figur, die "alles verbietet" und "gar kein Verständnis hat". Ein ausschliesslich verständnisvoller Vater ist Jugendlichen unerträglich. Er bleibt ein Ärger, weil die Abgrenzung schwieriger wird. Die Eltern werden deshalb provoziert, bis sie dem Archetyp entsprechen. Die harsche Gegenreaktion der Alten ist der erste Baustein der eigenen Identität.

Die Jugend will spüren, dass sie wirklich über Einfluss verfügt. "Macht beinhaltet auch die Möglichkeit, Handlungen begehen zu können, die bei dem Gegenüber Kopfschütteln, Angst oder zumindest deutliche Irritation auslösen." Erst wenn die ältere Generation sich empört, enttäuscht, erstaunt oder perplex abwendet, ist das Ziel erreicht, ein Gefühl der Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit. Eine Möglichkeit: "Befindlichkeitsterror" - Extremvarianten der eigenen Befindlichkeit, um auf die Alten Einfluss zu nehmen. "Die Aufregungen und die Ängste der Eltern sind der Beweis, dass man zu einer potenten Gegenkraft herangewachsen ist und über Macht verfügt."

Szenarien und Symbole für den Einstieg in die Gesellschaft
Der Jugendliche braucht eine öffentliche Bühne, um zu einer gesellschaftlichen Identität zu finden. Seine Gleichaltrigengruppe soll ihm zu einem Profil verhelfen, damit man sich mit den Erwachsenen messen kann und einen Beweis der eigenen Autonomie hat. Jugendliche haben den tiefen Wunsch nach einem eigenen Weg. Sie suchen sich einen nicht definierten Raum, in dem die eigenen Phantasien Platz haben. Es braucht Szenen und Themen, die neu, speziell, unbekannt erscheinen. Die grossartige Revolution findet im Kopf statt. Jugendliche wollen sich seelisch neu erschaffen. Es geht darum, in Auseinandersetzung mit der Gesellschaft einen Weg zu sich selber zu finden, sich ein Profil zu geben und sich seelisch zu orten. Die Jugend sucht sich Symbole, über die sie sich als eigenständig und automom erleben kann. Es ist der Versuch einer Selbstinitiation. Die Szenen werden als virtuelle Welten verstanden, als ein symbolisches Spiel, von dem man sich später wieder löst, an das man sich aber ein Leben lang erinnert.

Neue Herausforderungen der Jugend
Jungen sind cool und weinen nicht - Im coolen Auftreten proben die Jungen ihr Mannsein. Die überwiegende Mehrzahl der Männer leitet ihre Identität vom Kollektiv ab. Im öffentlichen Raum dominieren rituelle Verhaltensweisen. Es gilt, sich gemäss den ungeschriebenen Richtlinien des Kollektivs darzustellen, die korrekte Baseballkappe oder der richtige Computerjargon verrät, dass man sich in ein kollektives Thema eingestimmt hat. Wer ccol ist, hat seine Emotionen im Griff und lässt sich von der Ratio steuern, es ist eine Möglichkeit, durch das Beherrschen der Gefühle Überlegenheit zu demonstrieren. Männer müssen cool sein, wenn sie akzeptiert sein wollen. Junge Frauen dagegen sehen sich eher als Individuum in einem Beziehungsnetz.
Existenzielle Herausforderungen - Jugendliche wollen Wirkung erzielen und existenziellen Herausforderungen nachspüren, durch die sie ihre Kräfte, Ängste, Hoffnungen, Sehnsüchte und Grenzen erfährt. Der eigene Entwurf kann eine romantische, rebellische oder eskapadische Qualität haben, Jugendliche suchen Szenarien, in denen sie sich auch als automomen Gegensatz zur älteren Generation erleben. Durch Unfolgsamkeiten markiert der Adoleszente, dass er über die leichte Abweichung individuierten will.

Der innere Ruf - Phantasien weisen den Weg
"Jugendliche sind auf der Suche. Sie ahnen, dass es noch mehr im Leben gibt, als was ihnen vermittelt wird und ihnen vertraut ist. Bei den Vorbildern muss es sich um Aussenseiter oder distanzierte Personen handeln, die nicht mit der vorherrschenden Kultur identifiziert werden, denn nur diese werden mit der Vorstellung des ganz Anderen assoziiert." Jugendliche leben in einer Zwischenwelt. Sie sind emotional in der Kindheit verankert, geistig jedoch fasziniert von der Welt dort draussen und ihren Aufgaben. Sie experimentieren mit sich selber, damit sie wissen, wer sie sind. Ihre Identität und ihr Selbstwertgefühl ist fragil, weil das Coping mit den neuen Problemen und Erwartungen im Vordergrund steht und am Selbstverständnis nagt.

Sie werden mit einer für sie neuen Dimension des Seins konfrontiert: Ihre Seele meldet sich als kraftvolle, berauschende und beängstigende Wirklichkeit. Sie werden von Gefühlen überschwemmt. Sie erleben, dass es Energien gibt, die von innen her das Dasein umstülpen. Es ist der Beginn einer chtonischen Hadesfahrt: Phantasien, Aggressionen und Leidenschaften brechen auf, die in kein Schulcurrikulum aufgenommen wurden. Meistens verstehen die Jugendlichen nicht, was in ihnen vorgeht, was ihre Seele mit ihnen vorhat, bleibt ihnen ein Rätsel. Der junge Mensch wird mit der Seele in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und ihren unheimlichen Qualitäten konfrontiert. "Viele Jugendliche ringen mit sich selber und stellen sich den Höhen und Tiefen des eigenen Unbewussten; was draussen abläuft, wird nebensächlich." Da das innere Drama Aufmerksamkeit verlangt, wenden sich Jugendliche von der Erziehung ab, versuchen sie sich "dem Sozialisationsdruck und dem Terror der Normalität zu entziehen." Rülpsen, Gröhlen, Blöde-Witze-Reissen, Lümmeln, Kichern, Kiffen oder Rauchen ist wichtig, weil dadurch die Werte, mit denen sie sich bewusst identifizieren, in den Hintergrund treten. Die Versuchung, sich anzupassen, wird abgewehrt.

Archetypische Jugendentwicklung
Das mühsame Verhalten, die Schwierigkeiten zu Hause, die Probleme, die Jugendliche mit sich selber haben, das Umgetriebensein und die Aufmüpfigkeit sind der Versuch, eine Szene so zu gestalten, dass ein unbewusster Plan realisiert werden kann, der Versuch, dem persönlichen Skript zum Durchbruch zu verhelfen. Während der Pubertät präsentiert sich den Jugendlichen der eigene archetypische Plan. Die Phantasien und locker hingeworfenen Lebenspläne geben einen Hinweis, was die Jugendlichen in der Tiefe ihrer Seele bewegt, von welchen Kräften sie umgetrieben werden. Sie spüren, welches der Sinn und die Aufgaben ihres Lebens sein können.

Der Held - sucht die Gefahr, will die Weiten erobern, die Dunkelheit erforschen und neue Herausforderungen bestehen. Er geht einer Leidenschaft nach, orientiert sich an einer Idee, die er gegenüber unheimlichen, feindseligen oder antagonistischen Mächten durchsetzen will; er sucht den Kampf mit dem Drachen. Er zeichnet sich durch einen starken Willen aus, Widerstand macht ihn stärker. Manchmal befällt ihn eine regelrechte Angstlust: Die Angst vermittelt ihm das Gefühl, wirklich im Leben zu stehen. Er neigt dazu, sich selber zu überfordern. Der Held sucht Szenen, die einen gloriosen Auftritt ermöglichen. Ohne unmittelbare Herausforderung droht die Stimmung umzukippen, der Held wird passiv, hängt herum und wartet auf einen "Auftrag". Oder er wird innerlich von finsteren Mächten ergriffen, wird schwach, krank und sehnt sich wieder nach dem mütterlichen Schoss. Männliche Helden haben oft eine starke, unbewusste Verbindung zur Mutter. Das Verhältnis zum Vater hingegen ist durch Auseinandersetzungen und Kämpfe geprägt. Die meisten jungen Menschen leben diesen Archetyp nicht konkret aus, sondern in ihrer Phantasie. Wichtig für Helden ist, dass sie merken, dass es Menschen gibt, die sich mit ihnen messen, vergleichen und auseinander setzen möchten.

Die Hexe - ist ein Sammelbegriff für aussergewöhnliche, unheimliche, irrationale oder bösartige weibliche Fähigkeiten. Hexen sind weibliche Anarchos. Sie haben keinen Respekt vor Tabus, Positionen und der Moral, ihr Verhalten stellt Grundwerte und Hierarchien in Frage. Sie nehmen sich unserer Schattenthemen an. Sie sind Reisende zwischen zwei Welten. Ihre Handlungen und Gedanken werden von Energien aus der Unterwelt gespeist. Sie beeinflussen Mitmenschen von innen heraus. Sie manipulieren nicht aufgrund bewusster Überlegungen, sondern aus ihren Ahnungen heraus, weil sie intuitiv merken, wo menschliche Ängste, Schwächen oder Ressourcen verborgen sind. Sie halten sich diskret im Hintergrund, arbeiten mit den verborgenen Komplexen und Gefühlen anderer Menschen. Sie treiben ihre Eltern zur Raserei, irritieren Lehrpersonen und faszinieren Kollegen und Kolleginnen. Dennoch werden sie oft zu Aussenseiterinnen, weil sie andere Wege zur Selbstverwirklichung wählen als ihre Kollegen und Kolleginnen. Es dürstet sie nach geistiger Nahrung oder dem künstlerischen Ausdruck. Sie können destruktiv, zerstörerisch oder aber anregend, gemeinschaftsfördernd wirken. Was sie gegen die Macht ihrer unbewussten Kräfte einsetzen können, sind ihr Wille und ihr Bewusstsein.

Die Primadonna - ist das junge Mädchen, das sich als junge Frau sozialisiert, die kleine Prinzessin, um die sich alles drehen muss. Im Zentrum ihrer Welt stehen sie und ihre Mitmenschen. Bewundernde, neidische Blicke der Mitmenschen sind ihr Lebenselixier. Sie geht den Klischees nach, die Weiblichkeit versprechen. Sie will das Leben geniessen, ihre Sinnlichkeit erfahren. Sie hat die Fähigkeit, sich ganz anderen Menschen hinzugeben, sich anzupassen, ohne sich zu verlieren. Sie sucht den Kontakt zu anderen, fördert aber auch die Beziehungen zwischen anderen. Jede Bekanntschaft, Begegnung, Sorge, jedes Erlebnis, jedes Problem und jede Frustration wird der Kollegin mitgeteilt. Ihre Identität entwickelt die Primadonna über den sozialen Wert, den ihr die Qlique, die Kolleginnen und Kollegen zuschreiben und droht so, von den Eindrücken und Urteilen anderer Menschen abhängig zu werden. Nachdem, welche Kräfte in einer Beziehung hervortreten, wechselt sie ihre Loyalität. So wirkt sie wechsel- und lügenhaft. Sie entdeckt weibliche Keckheit, Provokationen und Verführungskünste als Durchsetzungsmittel. Sie spielt mit der eigenen Befindlichkeit und Launen. Sie beeinflusst andere durch den eigenen Gefühlsausdruck, die Inszenierung von Hilflosigkeit oder Koketterie. Wer Primadonnen ignoriert, wird entweder bestraft oder bewundert. Primadonnen können aber auch von nagendem Selbstzweifel geplagt werden. Sie fühlen sich dann unendlich wertlos, hässlich und von den anderen verachtet. Primadonnen wollen die Lieblingstochter bleiben, für die der Vater alles macht. Während der Vater Auseinandersetzungen mit der Tochter immer wieder durch grosse, verzeihende Gesten löst, ist die Mutter in einen Kleinkrieg mit der Tochter verstrickt. Durch die Wertschätzung des Vaters werden oft Leistungen sehr wichtig. Sie sind jedoch oft nicht von der Sache her motiviert sondern dienen als Arenen der Selbstdarstellung.

Die Kehrseite der Primadonna ist das Mauerblümchen. Es bleibt in vergangenen, grossartigen Phantasien fixiert, sucht Gründe, sich indigniert von einer Aussenwelt zurückzuziehen, die es noch gar nicht kennt und definiert sich im Kontrast zu den Werten ihrer Altersgenossen. Es führt ein Schattendasein oder gefällt sich in der Opferrolle.

Der Prahlhans - ist der Aufschneider, Übertreiber, Geschichtenerzähler oder Phantast. Prahlformen gibt es verschiedene: die Übertreibung, die leicht gefärbte Schilderung, das coole Understatement oder das realitätsfremde Fabulieren. Prahlen macht es Jugendlichen leichter, ihren Zwischenstatus in der Gesellschaft zu ertragen. Durch das Prahlen wird unseren Erlebnissen und uns selber ein besonderer Glanz verliehen, ein banales Objekt oder eine Handlung verzaubert. Solche Phantasien reissen auch andere mit, Prahlhänse können durch ihre Visionen begeistern. Der Prahlhans kreiert sich eine neue, positiv gefärbte Wirklichkeit. Die energetische Selbstaufladung kann Unsicherheiten und Selbstwertprobleme kompensieren. Prahlen ist ein Imaginationsakt. Bilder, die wir unbewusst in uns tragen, dringen durch das Prahlen ins Bewusstsein. Durch das Prahlen kommen Jugendliche mit ihren eigenen Idealen in Kontakt. Das hilft, eigene Ressourcen zu erschliessen. Prahlen kann auch der verzweifelte Versuch sein, sich den Normen der Gleichaltrigengruppe anzupassen. Dieses Prahlen hat keinen Bezug zu den Jugendlichen selber, sondern spiegelt die Erwartungen wider, die die Gleichaltrigengruppe hegt. Alfred Adler sah im Prahlen den Versuch, eigene Ohnmachtsgefühle zu überdecken. Prahlen kann eine Form von Realitätsflucht sein. Es gilt, den positiven Impuls in dem Prahlen herauszuspüren. Statt zu kritisieren "sollten wir den Jugendlichen helfen, ihre Phantasien zu formulieren und vielleicht umzusetzen."

Der Schelm - gilt als durchtriebener Kerl. Sein Ziel erreicht er mit List. Sie sind Meister im Fabulieren und verstehen die Schwächen oder Stärken der Mitmenschen für ihre Pläne auszunutzen. Sie nutzen Situationen aus, ohne auf sich selber oder moralische Grundsätze Rücksicht zu nehmen. Sie haben keinen Respekt vor Grenzen. Für sie ist alles möglich, da sie den subjektiven seelischen Wirklichkeiten nachspüren. Der Schelm lebt in seinen Handlungen und der Verwirklichung seiner Phantasien, sich selber hält er im Hintergrund. Es ist schwierig, ihn festzunageln. Unbewusst versucht er, die Aufmerksamkeit auf tabuisierte Themen zu lenken. Die Gefahr des Schelms ist, dass er in phantastische Höhen abhebt oder seinen Phantasien erliegt.

Jörg Undeutsch, www.PubertätVerstehen.ch
 

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